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Samstag, 27. September 2008
Es gibt Grenzen
Anteilnahme ist geboten und auch gut zu heißen, wenn ein Mensch aus dem Leben scheidet. Aber alles in Maßen und durch den Bezug zu der Person geregeltem Umfang. Hier nun biege ich direkt auf das Thema zu. Am Montag dieser Woche wurde publik, dass der Tierpfleger Thomas Dörflein aus dem Berliner Zoo verstorben sei. Er wurde bekannt durch sein Engagement für den Eisbär Knut – eines von zwei Eisbärenbabys, die im Dezember 2006 im Berliner Zoo geboren wurden. Es handelte sich um die erste Geburt von Eisbären im Zoo seit 30 Jahren. Gut und schön. Dieser Fakt also ließ die Blicke der Medien nach Deutschland schnellen. Im März 2007 wird der kleine Eisbär zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt und mit ihm praktisch auch der vorher nicht weltbekannte Pfleger. Er wird als ruhiger Typ beschrieben und hat das selbst immer wieder bestätigt, in dem er zu Protokoll gab, dass ihm der Rummel, der in den folgenden Monaten um ihn und den Eisbär gemacht wurde, nicht geheuer war. Nach am Dienstag, einen Tag nach bekannt werden des Todes von Dörflein, waren die stadtbekannten Gazetten voll gekleistert mit Bildern von Dörflein zusammen mit „seinem“ Eisbären. In großen Lettern prangten Sätze wie „Knut ist jetzt Vollwaise“ über den Artikeln. Bei dieser Überschrift handelte es sich um einen Kommentar eines Zoo-Besuchers, über den man nur den Kopf schütteln kann. Trauern ist angebracht, wenn ich aber lesen muss, dass Frauen fast in Tränen ausbrechen, wenn sie das Eisbärengehege mustern, weil Herr Dörflein nicht zu sehen ist, dann grenzt das für mich ein psychische Störungen und sollte dringend behandelt werden. Das Ganze sehe ich in einem anderen Licht, sollte jemand Herrn Dörflein persönlich näher gestanden haben. Aber wenn wildfremde, die diese Person nur aus dem TV oder vom Eisbären-Besuch kennen dann auf einmal ein Denkmal fordern, weil der Pfleger ja so viel geleistet habe, dann muss eine Grenze gezogen werden. Dass Blumen niedergelegt werden ist nachvollziehbar. Man kann den Menschen nicht pauschal verbieten an solch einem Todesfall teil zu nehmen. Durch seinen hohen Bekanntheitsgrad dürfte den meisten aber auch nicht entgangen sein, dass Dörflein ein ehr zurückgezogener Mensch war. Er selbst bezeichnete sich als Einzelgänger, eben wie es auch die Eisbären seien. Auf Druck der Öffentlichkeit ließ der Zoo online ein Kondolenzbuch „auslegen“, in dem sich die, die Anteil nehmen wollten, verewigen konnten. Die Berliner Zeitung (nicht B.Z.) druckte einige dieser Statements ab und eines davon ist als „im Rahmen“ zu beurteilen. Da (so machte es auf mich den Eindruck) all die Verfasser den Mann nicht persönlich kannten, musste ich bei einigen Passagen schmunzeln. Vereinzelt fällt einem sicherlich auch die Kinnlade bis auf den Boden. Überhaupt musste man an diesem Dienstagmorgen den Blick in der S-Bahn nur ein bisschen schweifen lassen, um rundherum von Eisbären, samt Dörflein bedrängt zu werden. Der Tod von Herrn Dörflein ist tragisch – für die, die ihm nahe Standen, vor allem seine Familie. Diese hätten genügend Grund in Tränen auszubrechen. Dörflein verstarb mit 44 Jahren – Herzinfarkt. „Ich stehe immer noch unter Schock“, schrieb einer ins Kondolenzbuch, um sogleich klarzustellen, dass er den Pfleger nicht persönlich gekannt habe. Wie kann man dann unter Schock stehen? Ich möchte ehrlich bleiben. Ich stehe nicht unter Schock und ich breche weder in Tränen aus, noch erwarte ich ein Denkmal. Meine Hoffnung geht dahin, dass seine Familie und (wahren!!!) Freunde von ihm Abschied nehmen können. Der Personenkreis, der ihn wirklich gekannt hat. Nicht aus Printmedien, sondern aus dem richtigen Leben. Sie müssen diesen Verlust verarbeiten. Ihnen gilt es Kraft auszusprechen. Zu dem steht auch noch ein Denkmal für Dörflein im Raum. Und auch hier war wieder die Rede von einer übergroßen Bronze-Skulptur. Es scheint unmöglich zu sein diesem Menschen einfach z. B. eine kleine Gedenktafel zu widmen. Nein, es muss pompös und überdimensional sein. Der Rummel um Dörflein ist aktuell groß – keine Überraschung. Aber in einem Jahr wird sich das geändert haben – der Sturm wird sich gelegt haben. Wichtig ist sowieso, dass ein Mensch in den Köpfen seiner Mitmenschen / nahe stehenden Personen weiterleben wird. Und nicht, dass er in einer protzigen Statue von oben herab regiert. Vor allem nicht einer wie Dörflein, der nicht der Mann fürs Rampenlicht war…bescheiden.
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