Montag, 17. November 2008

American History X (Keine Filmkritik im klassischen Sinne)

American History X (Keine Filmkritik im klassischen Sinne)

Ein Film – wenn nicht der Film -, der mich nachhaltig zum Nachdenken bewegt hat.
Derek Vinyard (Edward Norton), eines von drei Kindern, driftet in die amerikanische Neonaziszene ab. Bereits in seinen Teenagerjahren wird er mit der rassistischen Grundhaltung seines Vaters – einem Feuerwehrmann - konfrontiert. Er erzählt ihm beim Essen, dass sie mit ihrem schwarzen Lehrer Sweeney Literatur eines schwarzen Autors durchnehmen. Der Vater reagiert überrascht, fragt so gleich nach und stellt provokante Thesen auf. Niemand widerspricht ihm, während er davon spricht, dass „schwarze Literatur nun weiße“ ersetzten soll. Dann wirft er die Geschichte in den Raum, dass zwei seiner weißen Kollegen aus dem Dienst geschieden seien und dafür zwei Schwarze eingestellt wurden. Er führt dies auf die Bevorzugung „von Minderheiten“ zurück. Hier wird die Haltung seines Vaters deutlich, die geprägt ist von Hass gegen optisch nicht seinem Bild eines Amerikaners entsprechende Personen. Niemand wagt zu widersprechen. Er scheint eine Autorität zu sein.
In einem kurzen Zeitraum danach (das lässt der Film schwer einordnen) stirbt sein Vater bei einem Feuerwehreinsatz, durch die Kugel eines Schwarzen. Das lässt den Hass in Derek hoch kochen. In einem TV-Interview nach dem Vorfall stellt er die Rassenfrage. Arbeitslosigkeit, Krankheiten – er glaubt einen Schuldigen ausgemacht zu haben. Er spricht von „Parasiten“ und auf Nachfrage wenn er denn meine, kommt die Antwort „Schwarze, Braune, Gelbe, was sie wollen.“ Er vertritt die Meinung, dass sämtliche Probleme auf die Rassenfrage zurückgehen würden, wie oben von mir beschrieben. Er vertritt die Meinung, dass „die Minderheiten dieses Land ausbeuten wollen. Sie interessieren sich nicht für dieses Land.“ Derek schließt sich den ortsansässigen Neonazis an und lernt dorrt Cameron Alexander kennen, ein großes Tier in der Szene. Ein Schlipsträger, der Neonazifilme und rassistische Literatur vertreibt. Er instrumentalisiert Derek für seine Zwecke, für seinen Hass, und macht aus dem unauffälligen, normalen, Jungen einen brutalen Schläger, der immer radikaler wird. Alexander, managet darüber hinaus Rechtsradikale Bands und schrieb Hasstexte. Er nutzte die Unzufriedenheit Dereks und schickte ihn auf die Straße zu anderen Rechtsgesinnten, um sie auf seine Seite zu ziehen. Und seine Rechnung geht auf: Derek schafft es in kurzer Zeit viele Frustrierte um sich zu scharen. Er überfällt Asia-Märkte, spielt um die Vorherrschaft von Schwarzen oder Weißen auf dem Basketballfeld. Alexander stachelt ihn an und trichterte ihm seine Ansichten ein. Derek ist ein angesehener in der Neonazi-Szene.
Der neue Freund seiner Mutter ist ihm nicht geheuer, er vertritt differenzierte Ansichten und scheint jüdischer Abstammung zu sein, zumindest wenn man den Beleidigungen zuhört, die er dem Mann hinterher ruft, als dieser das Haus verlässt, nach dem am Ende einer Diskussion Derek sogar auf seine Schwester losgegangen ist und Gewalt angewandt hat. Der nun Ex-Freund seiner Mutter dreht sich noch einmal zu Derek um und dieser zieht sein Oberhemd runter, so, dass das Hakenkreuz auf seiner linken Brust zum Vorschein kommt und ruft „Siehst du das?! Das bedeutet „Nicht erwünscht!““ Auch seine Familie leidet unter Derek nun merklich, da auch seine Kumpels aus der Szene (besonders ein Gewichtiger) öfters im Haus verkehren. Nicht nur seine Brust ist mit Symbolen des Nationalismus tätowiert, auch die Arme und der Rücken zeigen entsprechende Zeichen. Auch seine Freundin ist eine in der Szene Bekannte, auch sie verkehrt im Haus der Vinyards. An Derek war praktisch nicht mehr heranzukommen, auch Sweeney versuchte es, aber er scheiterte. Derek war nun eines der prominenten Gesichter. Man kannte ihn. Vor allem aber kannte man seine Methoden und die waren von Brutalität nur so gekennzeichnet.

Auch auf seinen kleinen Bruder färben sein Verhalten und seine Anschauung merkbar ab. Er wendet sich ebenfalls von der Familie ab ins Neonazi-Milieu. Sein Zimmer ist mit Symbolen und Hitler-/ Wehrmachtsbildern, sowie SS-Runen, zugekleistert. Auch Abzeichen und Armbinden, die vermutlich aus der Zeit der Regentschaft Adolf Hitlers stammen, sind in dem Zimmer aufzufinden.

Eines Tages versuchen drei Afroamerikaner Dereks Wagen zu klauen.
Während er mit seiner Freundin schläft, nimmt sein kleiner Bruder das Klirren des Fahrerfensters wahr und benachrichtigt seinen großen Bruder. Dieser zieht nur Schuhe und Unterwäsche an, schiebt ein Magazin in seine Pistole und stürzt der Treppe herunter, um dann leise an die Tür zu treten, die Lage auszuspähen und den schmierestehenden Zweiten auf der Türschwelle mit mind. 5 Schüssen niederzustrecken. Auch der andere, der sich an seinem Auto zu schaffen machte wurde, während er flüchten wollte angeschossen. Der Dritte im Bunde konnte im Auto, mit welchem die drei Angekommen waren, flüchten. Derek feuerte das gesamte Magazin auf den wegfahrenden Wagen ab. Einer der beiden (der sich an seinem Auto zu schaffen machte) lebte noch. Er kannte ihn vom Basketballplatz. Derek bedrohte ihn und zwang ihn sich vor den Bordstein hinzulegen und den Mund aufzumachen, um dann direkt auf den Stein zu beißen. Dann trat er zu. Danach traf die Polizei ein…
Er wurde auf Grund dessen, das sein kleiner Bruder nicht gegen ihn aussagte zu 3 Jahren und ein paar Monaten verurteilt – wegen Totschlags-

Im Vollzug macht Derek eine Wandlung durch, die ihm „draußen“ verwehrt geblieben wäre.
Er macht Bekanntschaft mit einem schwarzen Mithäftling, den er anfänglich ignoriert, später aber genauer kennen lernt. Bevor das geschieht versuchte er sich einer Gruppe Neonazis anzuschließen, um vor den anderen in Sicherheit zu sein. Irgendwann beobachtet er, wie einer aus der Gruppe bei einem Mexikaner auf dem Hof Stoff kauft und wendet sich ab. Er möchte mit der Gruppe nichts mehr zu tun haben und wird von ihnen später in der Dusche vergewaltigt. Inzwischen versteht er sich mit seinem Mitgefangenen sehr gut, beide quatschen über Football und über das Leben. Er entspricht nicht Dereks Vorstellungen von einem Afroamerikaner. Es ist wohl ein Knackpunkt im gesamten Film. Sweeney besucht ihn nach dem Dusch-Vorfall und gibt ihm Ratschläge und Literatur. Derek hat große Angst von den schwarzen Häftlingen nun ran genommen zu werden. Er hofft, dass es schnell ginge, wenn es dann soweit ist. Doch dieser Moment – er kommt nicht. Die restlichen Monate passierte nichts mehr. Derek zweifelt an seiner Weltanschauung. Die vielen Unterhaltungen mit seinem inzwischen so eine Art Freund, Sweeneys Besuche. Er beschließt Schluss zu machen, auszusteigen. Im Vollzug hat er eine andere Welt kennen gelernt. Es wurde ihm klar, dass es völlig hirnrissig ist für die eigenen Probleme andere verantwortlich zu machen und jedes Mal sauer zu sein. Er ist geläutert, denn er hat registriert, dass seine Vorurteile über Andersaussehende völlig haltlos sind.

Es ist unglaublich zu sehen, wie er versucht seinen kleinen Bruder zu retten, vor den Fängen der Szene, der selbst angehörte.

Die Geschichte im Film beginnt damit, dass sein Bruder am Tag seiner Entlassung aus dem Gefängnis diesen Aufsatz „My mein Kampf“ abgibt. Sweeney stellt ihn vor die Wahl: Entweder Schlulverweis, endgültig oder einen Aufsatz – über seinen großen Bruder. Er soll ihn „American History X“ nennen. Und darüber erfährt man dann die gesamte Geschichte als Rückblende. Am Ende des Films wird er von einem schwarzen Mitschüler erschossen, noch bevor er den Aufsatz abgeben konnte, an dessen Ende er beschloss, dass die Haltung, die er von seinem Bruder übernommen hatte, nicht die korrekte sei.

Wahrlich, nicht jeder überzeugte Neonazi lässt sich mit einem Knastaufenthalt umkrempeln. Es muss die grundsätzliche Bereitschaft da sein, sich zu öffnen. Wenn es von der Seite betrachtet – eine andere Möglichkeit hat man hinter Gittern fast gar nicht. Die Abschottung von der Außenwelt, die Bekanntschaft mit dem dunkelhäutigen Mitgefangenen, die ihn an seiner Position zweifeln lässt. Die Hilfe seines Lehrers Sweeney, der ebenfalls helfend für ihn da war und vielleicht auch die Erinnerungen an früher, als er begeistert war von ihm. Bis zu dem Gespräch mit seinem Vater am Tisch, als sein Vater Sweeney als „Nigger“ bezeichnete. Es muss alles an ihm vorbeigerast sein. Diese Szenen, in denen er wahllos Gewalt angewendet hat und womöglich war im gar nicht mehr klar wofür er das alles getan hatte. In knapp über 3 Jahren bricht all das zusammen, was Derek gefangen hielt. Der Kontakt zum Hardliner Alexander brach ab, er konnte sich endlich selbst ein Bild machen. Und das stimmte mit dem, was ihm vor der Haft vermittelt wurde nicht im Geringsten überein. Doch Derek sorgt sich um seinen kleinen Bruder. Er kann ihm nicht mehr helfen.
Eines kristallisiert sich in der Analyse des Films klar heraus: Ohne den Gefängnisaufenthalt wäre Derek verloren gewesen. Am Tag seiner Entlassung trifft er seinen Freund vom Wäschedienst wieder. Derek möchte sich sogar beim ihm bedanken, denn er geht davon aus, dass er ihn vor Übergriffen der Schwarzen während der Haftzeit geschützt hat, in der er nicht mehr dem Support der Neonazi-Clique hatte. Denn sein Hakenkreuz und die anderen Symbole waren klar sichtbar. Noch am selben Tag besucht er seine Familie und die traut ihren Augen nicht. Ein ganz anderer Derek steht da vor ihnen. Er geht Duschen und während er sich abtrocknet, bedeckt er mit der Hand das Hakenkreuz auf seiner Brust – Pause. Er hat abgeschlossen mit der Vergangenheit…will nicht mehr der prügelnde, immer frustrierte Neonazi sein. Einfach nur Derek.
In der Szene hatte er den Status eines Helden, nach dem er entlassen wurde. Doch das war ihm völlig egal, er wollte nur alles in Bewegung setzten, um seinen Bruder aus der Schusslinie und vor allem aus dem Milieu loszulösen…