Montag, 20. Juli 2009

Chaos bei der S-Bahn

Der Bahnhof ist überfüllt, die Menschenmassen schieben sich in den ankommenden Zug, während die drinnen versuchen sich einen Weg durch die Menge an die Luft zu bahnen. Und bis eine S-Bahn kommt, kann es schon mal länger als 20 Minuten dauern. Jeder weiß wovon ich spreche: Der S-Bahn Berlin GmbH. Das Unternehmen, welches Prüffristen vom Eisenbahnbundesamt vorgeben, nicht eingehalten hat, obwohl strenge Kontrollen angeordnet waren. Am 1. Mai entgleiste in Berlin-Karow ein S-Bahn-Zug, dessen Räder erhebliche Mängel aufwiesen. Daraufhin hatte die Zulassungsbehörde (EBA) verschärfte Kontrollen der Züge veranlasst, die nicht stattfanden. Nun führte das, dass die Behörde handelte und ein Drittel der Züge sofort aus dem Verkehr zog. In Folge dessen gab es überfüllte Bahnhöfe und S-Bahnen, Kunden, die sich zu Recht beschweren und der Informationsmangel wurde einmal mehr offensichtlich. Wer davon ausgeht, dass er an den Bahnhöfen informiert wird, der irrt. Auf Grund des massiven Personalabbaus der letzten Jahre, gibt es auf vielen Bahnhöfen nicht mal mehr Abfertigungspersonal. Somit fehlen den Fahrgästen die Ansprechpartner. Dies führte nicht selten zu Disputen zwischen dem einzigen Ansprechpartner und en Fahrgästen: Dem Zugführer. Alles an Allem sehr ärgerlich ist, dass es ab Montag praktisch zum Supergau kommen wird: Zwischen Ostbahnhof und Zoo werden ab 20. Juli gar keine Wageneinheiten mehr verkehren, das gab Bahnmanager Ulrich Homburg vor dem Wochenende bekannt. Im Juni soll an einem Zug ein großer Riss (vermutlich 5 Millimeter lang) entdeckt worden sein, welcher das EBA dazu veranlasst hat, die Kontrollen noch einmal anzuziehen bzw. noch mal zu intensivieren.
Es ist schon erstaunlich gewesen, dass die S-Bahn die dringend nötigen Kontrollen nach dem Vorfall im Mai und der darauf folgenden Anordnung der EBA nicht hat durchführen können. Allerdings dokumentiert dieser Zustand wie vernichtend sich der jahrelange Personalabbau auf das tägliche Brot der S-Bahn auswirkt. Das Wegrationalisieren der Ressourcen tritt in diesen Wochen immer mehr ans Tageslicht.

Die Berlintouristen scheint das Ungemach nicht negativ aufzustoßen. Sie nehmen es wie es kommt. Nur für die, die die S-Bahn täglich nutzen (müssen), fällt das Fazit eben deutlich anders aus. Bereits seit drei Wochen kann die S-Bahn ihr Angebot nur noch beschränkt anbieten.

Die Frage ist, ob die S-Bahn durch die großen Gewinnabgaben an die Bahn, die Tochtergesellschaft, damit diese den Börsengang meistern kann, nicht kaputt gewirtschaftet wird. Die Kundenbewertung für die S-Bahn ist jetzt bereits teilweise vernichtend. Ein Aushängeschild der öffentlichen Verkehrsmittel in Berlin ist dabei wie die Titanic unterzugehen. Nur fungiert hier als Eisberg der Mutterkonzern.

Angesichts der prekären Situation, kann ich nachvollziehen, dass die Stunde geschlagen hat.
Nur, wenn ich wie heute Morgen die überfüllten Züge sehe und man mit manchen Fahrgäste ins Gespräch kommt, so bleibt einem nicht verborgen, dass die S-Bahn viel Kredit verloren hat. Die Verantwortlichen für diesen Kurs sind allerdings primär bei der Deutschen Bahn direkt zu suchen und nicht im alten S-Bahn-Vorstand, der als Baueropfer seine Koffer packen musste.

Das Resultat dieser Zustände ist, dass wieder „die Kleinen“ ihre Köpfe hinhalten müssen. Die S-Bahner fordern, in Zukunft mehr Personal einzustellen bzw. den radikalen Stellenabbau zu stoppen. Umsonst?
In den Instandsetzungswerken mussten kurzfristig über 100 Arbeitskräfte eingestellt werden, um der Lage wenigstens ansatzweise Herr zu werden.
Vor September dieses Jahres wir die S-Bahn jedenfalls ihren Standartfahrplan wohl kaum mehr anbieten können, so vernimmt man es aus Kreisen der Arbeitnehmervertretungen.

Donnerstag, 16. Juli 2009

Bunte Ärgernisse oder doch Kunst?

Sie sind allgegenwärtig und spalten die Gesellschaft: Grafittis bzw. Takes.
In jeder Großstadt und fast jeder Kleinstadt sind sie anzutreffen die Kürzel und / oder selbst gestalteten Bilder, die ihre Urheber als „Kunst“ betrachten und sich deshalb selber den Persilschein zum Aufbringen dieser Kunst ausstellen. Sie prangen auf Zügen, Wänden, Brücken, Dächern und ab und zu sogar auf Pkws oder Bäumen. Man kann ihnen also nicht entkommen, wenn man seinen Fuß vor die Tür setzt. Nun kann man sich durchaus darüber streiten welche Bedeutung diese Werke für den einzelnen haben – und ich spreche hier explizit über die Optik. Ich persönlich empfinde 70 % der Takes und Bilder, die ich sehe als hässlich oder nicht gelungen an. Oft handelt es sich um wirklich billige Schmierereien, die die Umgebung optisch in unerträglicher Weise vergewaltigen. Das hat absolut nichts mit „Verschönerung“ zu tun, sondern stellt für mich eine Abwertung dar. Genauso wie die Namenskürzel, die einem einfach nur noch auf die Nerven gehen. Ebenso die Argumente vieler der selbsternannten Helden, die ihre Taten bagatellisieren und mittels anderer Taten herunterzuspielen versuchen. Auch hier wäre es interessant herauszubekommen, was passiert, wenn man es mit dem Eigentum der Sprayer genauso handhaben würde, wie sie es selbst mit fremden tun. Und doch sollte man den objektiven Blick für die Sache behalten. Nicht jedes Bild macht optisch einen unattraktiven Eindruck. Ich habe schon Werke erblickt, die man durchaus als Kunst bezeichnen darf. Farbenfroh und nicht in 5 Minuten zurechtgesprayt. Hier ist zu merken, dass viel Arbeit und Liebe zum Detail hinter steckt. Den Urhebern könnte ich sogar abnehmen, dass sie ihren Teil zur Aufwertung des Stadtbildes beitragen möchten.

Eine S-Bahnlinie, mit der ich Verkehre, die bringt mich an wahren Kunstwerken vorbei. Es hat fast ein bisschen etwas von einer Galerie, an der man vorbeigeführt wird. Und es ist beeindruckend, wenn man seine Blicke über die vielen Farbtöne und Figuren schweifen lässt. Es ist wie ein Abtauchen in eine andere Welt.

Leider empfinde ich dieses Gefühl viel zu selten, wenn ich durch Berlin laufe. Oft bleibt einfach nur Ärger über läppische Schmierereien, die das Stadtbild in den Dreck ziehen. Es kann mir keiner erzählen, dass das, was z. T. an Hauswänden und in Zügen klebt etwas mit Kunst zu tun hat! Einzelne Buchstaben oder irgendwas in Sekunden dahin gekritzeltes müssten den, der sich daran versucht hat vor Peinlichkeit erröten lassen.
Die Frage ist doch, wo liegt die Grenze zwischen Kunst und bloßer Beschmierung.

Und neben dieser Frage sollte man nie vergessen, dass solche Aktionen ohne Genehmigung immer eine Sachbeschädigung darstellen.

Ich würde dafür plädieren, dass man für Sprayer mehr Flächen zur Verfügung stellt. Legal und ihnen die Möglichkeit zu geben sich wirklich auszuleben.
Es soll ja auch Leute geben, die aus der Szene ausgestiegen sind, weil sie ihr Hobby zum Beruf gemacht haben.

Es ist also nicht unrealistisch und doch wird noch zu wenig getan, um das Talent, was durchaus bei einigen vorhanden ist, auch tatsächlich ernst zu nehmen und entsprechend zu fördern.

Das muss neben der Strafverfolgung ganz oben auf der Agenda stehen.

Dienstag, 7. Juli 2009

Die Superheuchler

Am 15. Juni um 20.15 Uhr war es soweit: der neue Quotenbrecher von SAT.1 ging auf Sendung. Die „Superlehrer“ sind ein Team aus vier Pädagogen (Die Sportlehrerin muss ausgeklammert werden, denn sie ist gelernte Bürokauffrau. Ebenso der Deutschlehrer, der Frührentner (ja, genau diesem Personenkreis fühle ich mich sehr verpflichtet) ist. Schon mal zwei Personen Abzug) und einer Sozialarbeiterin (die auf der offiziellen SAT.1-Seite als „Sozialpädagogin“ bezeichnet wird, aber nicht aktiv am Unterricht bzw. der Gestaltung des Unterrichts teilnimmt. Eine Person Abzug), die es mit 16 unbelehrbaren und verzogenen Teenies zu tun bekommen. Sie sollen die Bande – in der keiner einen Schulabschluss besitzt - wieder auf Vordermann bringen. Innerhalb von 14 Wochen sollen die 16 Versuchskaninchen ihren Hauptschulabschluss geschafft haben, um eine Lehrstelle zu erlangen bzw. eine Berufsfachschule zu besuchen. Die Teilnehmer an diesem Projekt sollten es als zweite bzw. Chance verstehen, damit ihnen nicht „der Zugang zu einer Berufsausbildung verwehrt“ bleibt, wie es im Text heißt. Ja, alles zum Wohle der Jugendlichen, denen der großzügige Privatsender noch eine Hintertür offen hält. Wie sozial, wie verantwortungsvoll. Es kommen einem die Tränen – nur den Auserwählten scheint der Ernst der Lage noch nicht bewusst zu sein. Gezeigt werden fast ausschließlich Ausraster, schlechte Noten oder sonstige Beleidigungen bzw. Beschimpfungen. Der Lehrer wedelt vorne stehend mit einer gelben Karte und die Runde, die diese Geste scheinbar nicht für voll nimmt. Autorität sieht anders aus, und doch bekommt man mit den 16 Schicksalen Mitleid. Eine Mathearbeit wurde geschrieben…es hagelt Fünfer und Sechser. Disziplin ist für die meisten ein Fremdwort. Diese Serie wurde als „Dokutainment“ angekündigt. Ein Mix aus Seriosität und Sensationsjournalismus. Herausgekommen ist leider wieder die Quotenmaschinerie. Womöglich ist das dem Sender nicht einmal ganz unrecht, denn so lässt sich auf den Montagabend doch eine ganz ordentliche Aufmerksamkeit erzeugen. Und sein wir mal ehrlich: Solche Brennpunkttehmen ziehen gerade in Zeiten, in denen das Bildungssystem im Kollektiv hinterfragt wird am besten.

Für mich hat dieses Format mit einer ordentlichen Dokumentation, in der sachlich analysiert wird und Möglichkeiten für die Jugendlichen aufgezeigt werden, wenig zu tun. Viel mehr geht es darum die Jugendlichen durch die Manege zu treiben. Wie Vieh werden sie vorgeführt. Ein weiterer Nachteil ist, dass sich die Aufnahmen auf ihre künftigen Vorstellungsgespräche (sofern es sie geben wird) auswirken werden.
Auch die Konsequenzen bei Fehlverhalten sind die altbekannten Maßnahmen. Den Sitz in der Klasse für den Rest der Stunde räumen ist nur ein Beispiel. Sie lernen also dieselben Muster kennen, mit denen ihn schon auf ihren vorherigen Schulen nicht geholfen werden konnte.
Neben dem schwammigen Begriff des Lehrers wird also pädagogisch auf den Standart zurückgegriffen, der jedem bekannt ist.
Es kommt also wie es kommen muss. Und SAT.1 reibt sich genüsslich die Hände. Der Deutschlehrer wird als „absolute Respektsperson“ bezeichnet. Genau diesen Charakter hat man wohl gesucht, denn von der Bezeichnung zehrt der Mann nur noch in der Theorie.
Das alles bringt dem Sender Einschaltquoten und durch die Themenwahl (die grundsätzlich nicht fehl am Platze ist) bekommt das Ganze einen vernünftigen Anstrich.
Was jeder weiß: Der Hauptschulabschluss an sich ist heute noch lange, lange kein Türöffner für eine Ausbildung.

Geknallt hat es bereits – natürlich – zwischen Schülern und Lehrern, aber auch untereinander gibt es dem einen oder anderen Konflikt auszufechten.
Mittlerweile ist auch die Bild-Zeitung (online) auf den Hund…ähm, pardon, Lehrer gekommen, und hat die Prügelstory (ein Schüler wurde gegen eine Klassenkameradin handgreiflich, nach dem ein böses Wort im Raum fiel) mit Kusshand aufgenommen.
Bravo SAT.1! Zumindest der Sender hat sein Ziel schon mal erreicht.
Welche Ziele die jetzt 15 Schülern (das Ungetüm wurde, pädagogisch sinnvoll, aus dem Unterricht entfernt) erreichen werden? Ihren Soll für den Gönner haben sie erfüllt.