Samstag, 31. Oktober 2009

Das Geschäft mit der Grippe.

Die Schweinegrippehysterie hat im Jahre 2009 Deutschland im Klammergriff und scheint das Land nicht loslassen zu wollen. Auch die Regierung hat sich von der Panikmache anstecken lassen und bereits 50 Millionen Impfdosen eines unzureichend getesteten Impfstoffes geordert. Das ist der Faktenstand in Deutschland im Herbst 2009. Vor wenigen Tagen begannen die Impfungen. Allerdings nicht in dem Umfang, den sich vor allem die Bundesregierung erhofft hatte. Keine 15 Prozent der Bevölkerung möchten sich gegen die (angeblich) drohende Riesenpandemie impfen lassen. Nun ist davon auszugehen, dass wenn die diese Zahlen nur so ungefähr der Wahrheit entsprechen, die Bundesregierung auf Unmengen von Impfstoff sitzen bleiben wird, den sie für gutes Geld den Pharmariesen abgenommen hat. Hier könnte der Vorwurf der Unverhältnismäßigkeit auftauchen.

Das impfwillige Fußvolk scheint also zu bocken und die immer kritischeren Berichte über den Impfstoff mit Wirkverstärker ernst zu nehmen. Und dabei tut nicht nur die Regierung doch ihr „Bestes“, sondern auch die (natürlich) unabhängige WHO, die Weltgesundheitsorganisation. Sie empfiehlt ausdrücklich sich mit dem neuen Impfstoff versorgen zu lassen. Doch nicht nur das. Man muss sich dieses Organ der Vereinten Nationen sehr genau anschauen, um zu verstehen, welchen Einfluss es ausübt. Im Mai des laufenden Jahres änderte die WHO ihr Pandemiewarnstufensystem ganz entscheidend ab. Anders gesagt: Für eine Pandemie (Höchste Stufe) müssen bestimmte Voraussetzungen nicht mehr erfüllt sein, damit die Warnstufe auf das maximale Level angehoben werden kann. Außerdem arbeiten in dieser Sonderorganisation auch Personen, die gute Verbindungen in die Pharmaindustrie halten. Man kann sagen, dass dieser Industriezweig einen nicht zu unterschätzenden Einfluss ausübt.

Die Bundesregierung reagierte auf die Nachrichten aus Genf, dem Hauptsitz der WHO und bestellte Impfstoff im Wert von über 400 Millionen Euro. Von dem ganzen Deal profitiert in diesem Fall der Hersteller GlaxoSmithKline.

Auch die ständige Impfkommission, abgekürzt SITKO, ist ein 16-köpfiges Gremium, welches sich vor allem aus Personen zusammensetzt, die nicht unabhängig von der Pharmaindustrie arbeiten können. Im Herbst 2007 trat der Vorsitzende dieser Kommission zurück und wechselte in die private Wirtschaft zu einem großen Pharmakonzern. Keine Kontakte also? Völlig unabhängig und objektiv? Pustekuchen! Sämtliche von diesem Gremium empfohlenen Impfungen werden durch die Krankenkasse übernommen (Seit 1. April 2007, Gesundheitsreform). Das Netz der Pharmariesen umspannt auch dieses Organ fest und sorgte dafür, dass sich natürlich auch die SITKO dazu hinreißen ließ, die Schweinegrippeimpfung ausdrücklich zu empfehlen. Hier lässt sich die ungeheure Macht veranschaulichen, die von den 16 Frauen und Männern ausgeht. Mit ihren Empfehlungen steigen und fallen die Umsätze der Konzerne. Aller Wahrscheinlichkeit nach operiert dieses Gremium nicht nur auf Grund wissenschaftlicher Grundlagen, sondern auch auf der kaufmännischen Basis.

Und bei „guter“ Arbeit für entsprechende Firmen winken eventuell auch mal Posten für die „Zeit danach“. Ich zweifle die Autonomität jedenfalls stark an.

Ob man sich impfen lässt, sollte jeder individuell für sich entscheiden. Aber auf jeden Fall sollte am, bevor man sich zu diesem Schritt entschließt, Hintergrundwissen zu Eigen machen.

In diesem Sinne, eine schöne Woche!

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Der Fall Sarrazin: Der Ton macht die Musik.

Thilo Sarrazin, Vorstand der Deutschen Bundesbank, hat bundesweit mal wieder durch ein provokantes und polemisches Interview für Aufregung gesorgt. Da wurde u. a. die hohe Geburtenrate in der „Unterschicht“ bemängelt, dazu hat Sarrazin Beiträge über integrationsunwillige Türken und Araber gebracht. Zitat: „Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert. Das gilt für 70 Prozent der türkischen und 90 Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin.“ Das Problem ist an sich nicht der Inhalt, sondern die Rhetorik, mit der der ehemalige Finanzsenator von Berlin, seine Äußerungen vertrug. Die NPD hat sich die Äußerungen von Sarrazin ja bereits zu nutzte gemacht und ihn als neuen Ausländerbeauftragten vorgeschlagen, wie es in einer Gazette formuliert wird. Im Kern treffen die Aussagen das aus Berlin abgewanderten im Groß zu. Sicher ist die Geburtenrate, gerade im Prekariat, ein Problem, da diese Kinder nicht selten in bildungsferne Familien hineingeboren werden. Die These des ehemaligen Berliner Finanzsenators aus Berlin dazu: „das Problem, dass 40 Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden.“

Die Zahlen, die Sarrazin in dem ersten Zitat, welches ich gebracht habe, auftaucht habe ich nicht nachprüfen können. Ich halte sie auch für einen Deut zu hoch gegriffen, aber in der Sache spricht der Mann die Wahrheit aus – in diesem Fall. Ich möchte noch mal darauf hinweisen, dass ich mich in diesem Kommentar nur dem Interview im „Lettre International“ beziehe.
Die Frage ist, ob Sarrazin so extrem hätte formulieren dürfen, für einen Mann seines intellektuellen Niveaus. Ich kann mir vorstellen, dass Sarrazin mit dem Interview schon alles erreicht hat, was er wollte: Eine Debatte. Nicht primär um seine Person, sondern um das Problem der Integration. Wurde sie in den letzten Jahren richtig angegangen? Ist sie überhaupt so erfolgreich, wie manche es behaupten wollen? Sollten wir mit Immigranten kritischer umgehen, als wir es uns bisher getraut haben? Sind Leistungsklassen (hervorstechend gute Deutschkenntnisse) in Berliner Grundschulen (Anteil von Immigranten höchstens 50 %) sinnvoll? Was ist Ausgrenzung und was schlicht und einfach effizientere Förderung? Wo beginnt der braune Sumpf und wo hört er auf?

Die Reaktionen seiner Parteifreunde, von Wohlfahrts- und anderen Verbänden, zeigen, dass Sarrazin in gewisser Weise den wunden Punkt getroffen hat. Getroffene Hunde bellen, wie man so schön sagt. Ich persönlich zähle mich ehr zum linken Lager und muss aber eingestehen, dass Thilo Sarrazin Probleme angesprochen hat, die nicht so einfach aus der Luft gegriffen sind, sondern in Teilen dem Berliner Alltag entsprechen.

Sätze, in denen Sarrazin türkische und arabische Obst- und Gemüsehändler diskriminiert, sind jedoch unter der Gürtellinie und entbehren jeglicher Grundlage. Ebenso wie die Vokabel „Kopftuchmädchen“ in Zusammenhang mit „Produktion“ zu nennen.

Eines der am tiefsten verankerten Probleme in der Deutschen Debattenkultur ist, dass viele „Deutsche“ bei dieser Diskussion (vielleicht sogar nur im Unterbewusstsein) sofort in den Rassismus abgleiten. Dies muss verhindert werden, denn wenn jemand von dem Thema nicht (!!!) profitieren soll, dann die NPD!

Nicht unter den Teppich kehren sollte man, dass das Interview mit Sarrazin sich nicht hauptsächlich um Araber oder Türken dreht. Die Abschnitte, die nun so hohe Wellen schlagen, sind lediglich Auszüge aus einem ausführlichen Text.

Samstag, 3. Oktober 2009

Schweizer Käse

Noch am Montagvormittag leitete Lucien Favre zusammen mit seinem Assistenten Gämperle das Training beim Tabellenletzten der Bundesliga, Hertha BSC Berlin. Nur wenige Stunden später ist der Trainer samt seinem Assistenten beurlaubt. Ja, Lucien Favre weiß nun, wie schnell der Ruhm vergangener Tage verblassen und wie irrelevant er sein kann, wenn im Verein das Abstiegsgespenst umgeht und die handelnden Personen unruhig werden.
Favre ist wohl nicht freiwillig gegangen, denn er traute sich wohl zu, die Mannschaft aus dem Tal herauszuführen. Sechs Niederlagen musste das Team seit dem ersten Spieltag der Saison 2009 / 2010 hinnehmen – bei bis jetzt sieben Punktspielen. Resultat: 3 Punkte, 7 Spiele, 18. Platz in der Bundesligatabelle. Speziell die beiden letzten Niederlagen gegen den SC Freiburg (0:4 zu Hause) und die TSG Hoffenheim (1:5 auswärts) ließen den Eindruck zu, dass die Mannschaft das Arbeiten komplett eingestellt hat. Es bleibt die Frage zu stellen, wie viel Anteil Favre an diesen Ergebnissen hat. Noch im Mai wurde Favre wie der große Zampano gefeiert. Schon im März schien er bereits über allem zu stehen: Hertha konnte sich realistische Hoffnungen auf den Gewinn der Deutschen Meisterschaft machen. Doch seit dem August 2009 ist eine neue Zeitrechnung angebrochen. Der vormals Unumstrittene wird auf einmal – fast schon logisch – angreifbar. Die Ergebnisse stimmen nicht mehr. Ein Knipser wie Voronin, den man auf Grund der verpassten CL-Qualifikation abgeben musste, riss ein tiefes Loch in der Offensive. Die Chance auf diesen Wettbewerb hat allerdings nicht Favre, sondern seine Spieler ausgelassen, die es in einem Spiel gegen den FC Schalke am vorletzten Spieltag der Saison 2008 / 2009, für den es zu diesem Zeitpunkt um nichts mehr ging, auf einmal keine Tore mehr schießen konnte. Die Mannschaft, die zuvor durch ihren Minimalismus auffiel (eine Häufung von Triumphen mit 1:0 und 2:1 Siegen. In gewisser Weise das Emden der Bundesliga), hatte ihn scheinbar verlernt. Im letzten Saisonspiel kassierte man gegen den Karlsruher SC, der bereits abgestiegen war, eine deutliche 0:4-Niederlage. Während die Hertha-Fans also seit März 2009 schon die Meisterschaft feierten und sich ein gewisser Josip Simunic auch hundertprozentig sicher war selbige am Ende der Saison zu gewinnen, setzte am Ende wieder die große Ernüchterung in Charlottenburg ein. Ein Aha-Erlebnis, was Hertha nicht unbekannt ist. In der Saison 2004 / 2005 verspielte Hertha am letzten Spieltag mit einem 0:0 im Heimspiel gegen Hannover 96. Doch man versuchte, das muss man den Anhängern der Hertha zugestehen, die sich nicht zu den Erfolgsfans rechnen, das Ergebnis am Ende der Saison als das zu sehen, was es war: Perfekt. Favre holte aus einem mittelmäßigen Kader mit zwei bis drei Individualisten, die technischen herausragten, das Maximum.
Nur wurde durch das verpassen der Champions League das Halten bestimmter Spiele schier unmöglich. Voronin war so ein Fall. Noch im August 2008 bis Saisonende vom FC Liverpool ausgeliehen entwickelte sich der Ukrainer zum Goalgetter, für den Liverpool im Juni 2009 allerdings eine entsprechende Ablösesumme erzielen wollte, sofern Hertha ihn behalten wolle. Der finanzielle Spielraum, den man vor den letzten beiden Saisonspiel als groß wähnte, schrumpfte innerhalb von zwei mal 90 Minuten erheblich zusammen. An eine Weiterverpflichtung von Voronin war nicht mehr zu denken. Außerdem wurde bekannt, dass Hertha mal wieder Finanzschuh drücke, weshalb 5 Millionen-Euro Transferüberschuss erwirtschaftet werden müsste. Und da traf es sich gut, dass die TSG Hoffenheim an die Blau-Weiße Tür klopfte, um ein millionenschweres Kaufangebot für die Stütze in der Defensive, Josip Simunic, abzugeben.
Resultat war eine Hertha, die ihre Schlüsselspieler abgeben musste und diesen Qualitätsverlust unbefriedigend ausglich. Sinnbild dafür ist die nach 2003 zweite Verpflichtung des Polen Artur Wichniarek (bei Hertha von Sommer 2003 bis Winter 2006 / 44 Bundesliga-Spiele, 4 Bundesliga Tore), der schon bei seinem ersten Engagement in der Hauptstadt nicht das tat, wofür man ihn verpflichtete.
Lucien Favre ist in Wahrheit das Bauernopfer. Noch viel prekärer: Das Opfer seiner Spieler, die sich von ihm abwandten. Das war auch am Donnerstagabend noch mal beim Europaleague-Vorrundenspiel unter dem Interminstrainer Karsten Heine zu bestaunen.
Sicher, Hertha hat keinen Kader mehr, mit dem man zwangsweise die Champions League erreichen muss, schon deswegen hätte man gut daran getan die Erwartungshaltung zu bremsen. Am Ende waren auf dem Platz bei der Hertha Auflösungserscheinungen zu registrieren. Kein Biss mehr, kein Wille, keim Kampf, wenig Laufbereitschaft. Das kleine Fußballeinmaleins war ad acta gelegt. Diese Qualitäten aus den Spielern wieder herauszulocken, wird die Hauptaufgabe des neuen (und auch akzeptierten) Trainers Friedhelm Funkel sein.