Noch am Montagvormittag leitete Lucien Favre zusammen mit seinem Assistenten Gämperle das Training beim Tabellenletzten der Bundesliga, Hertha BSC Berlin. Nur wenige Stunden später ist der Trainer samt seinem Assistenten beurlaubt. Ja, Lucien Favre weiß nun, wie schnell der Ruhm vergangener Tage verblassen und wie irrelevant er sein kann, wenn im Verein das Abstiegsgespenst umgeht und die handelnden Personen unruhig werden.
Favre ist wohl nicht freiwillig gegangen, denn er traute sich wohl zu, die Mannschaft aus dem Tal herauszuführen. Sechs Niederlagen musste das Team seit dem ersten Spieltag der Saison 2009 / 2010 hinnehmen – bei bis jetzt sieben Punktspielen. Resultat: 3 Punkte, 7 Spiele, 18. Platz in der Bundesligatabelle. Speziell die beiden letzten Niederlagen gegen den SC Freiburg (0:4 zu Hause) und die TSG Hoffenheim (1:5 auswärts) ließen den Eindruck zu, dass die Mannschaft das Arbeiten komplett eingestellt hat. Es bleibt die Frage zu stellen, wie viel Anteil Favre an diesen Ergebnissen hat. Noch im Mai wurde Favre wie der große Zampano gefeiert. Schon im März schien er bereits über allem zu stehen: Hertha konnte sich realistische Hoffnungen auf den Gewinn der Deutschen Meisterschaft machen. Doch seit dem August 2009 ist eine neue Zeitrechnung angebrochen. Der vormals Unumstrittene wird auf einmal – fast schon logisch – angreifbar. Die Ergebnisse stimmen nicht mehr. Ein Knipser wie Voronin, den man auf Grund der verpassten CL-Qualifikation abgeben musste, riss ein tiefes Loch in der Offensive. Die Chance auf diesen Wettbewerb hat allerdings nicht Favre, sondern seine Spieler ausgelassen, die es in einem Spiel gegen den FC Schalke am vorletzten Spieltag der Saison 2008 / 2009, für den es zu diesem Zeitpunkt um nichts mehr ging, auf einmal keine Tore mehr schießen konnte. Die Mannschaft, die zuvor durch ihren Minimalismus auffiel (eine Häufung von Triumphen mit 1:0 und 2:1 Siegen. In gewisser Weise das Emden der Bundesliga), hatte ihn scheinbar verlernt. Im letzten Saisonspiel kassierte man gegen den Karlsruher SC, der bereits abgestiegen war, eine deutliche 0:4-Niederlage. Während die Hertha-Fans also seit März 2009 schon die Meisterschaft feierten und sich ein gewisser Josip Simunic auch hundertprozentig sicher war selbige am Ende der Saison zu gewinnen, setzte am Ende wieder die große Ernüchterung in Charlottenburg ein. Ein Aha-Erlebnis, was Hertha nicht unbekannt ist. In der Saison 2004 / 2005 verspielte Hertha am letzten Spieltag mit einem 0:0 im Heimspiel gegen Hannover 96. Doch man versuchte, das muss man den Anhängern der Hertha zugestehen, die sich nicht zu den Erfolgsfans rechnen, das Ergebnis am Ende der Saison als das zu sehen, was es war: Perfekt. Favre holte aus einem mittelmäßigen Kader mit zwei bis drei Individualisten, die technischen herausragten, das Maximum.
Nur wurde durch das verpassen der Champions League das Halten bestimmter Spiele schier unmöglich. Voronin war so ein Fall. Noch im August 2008 bis Saisonende vom FC Liverpool ausgeliehen entwickelte sich der Ukrainer zum Goalgetter, für den Liverpool im Juni 2009 allerdings eine entsprechende Ablösesumme erzielen wollte, sofern Hertha ihn behalten wolle. Der finanzielle Spielraum, den man vor den letzten beiden Saisonspiel als groß wähnte, schrumpfte innerhalb von zwei mal 90 Minuten erheblich zusammen. An eine Weiterverpflichtung von Voronin war nicht mehr zu denken. Außerdem wurde bekannt, dass Hertha mal wieder Finanzschuh drücke, weshalb 5 Millionen-Euro Transferüberschuss erwirtschaftet werden müsste. Und da traf es sich gut, dass die TSG Hoffenheim an die Blau-Weiße Tür klopfte, um ein millionenschweres Kaufangebot für die Stütze in der Defensive, Josip Simunic, abzugeben.
Resultat war eine Hertha, die ihre Schlüsselspieler abgeben musste und diesen Qualitätsverlust unbefriedigend ausglich. Sinnbild dafür ist die nach 2003 zweite Verpflichtung des Polen Artur Wichniarek (bei Hertha von Sommer 2003 bis Winter 2006 / 44 Bundesliga-Spiele, 4 Bundesliga Tore), der schon bei seinem ersten Engagement in der Hauptstadt nicht das tat, wofür man ihn verpflichtete.
Lucien Favre ist in Wahrheit das Bauernopfer. Noch viel prekärer: Das Opfer seiner Spieler, die sich von ihm abwandten. Das war auch am Donnerstagabend noch mal beim Europaleague-Vorrundenspiel unter dem Interminstrainer Karsten Heine zu bestaunen.
Sicher, Hertha hat keinen Kader mehr, mit dem man zwangsweise die Champions League erreichen muss, schon deswegen hätte man gut daran getan die Erwartungshaltung zu bremsen. Am Ende waren auf dem Platz bei der Hertha Auflösungserscheinungen zu registrieren. Kein Biss mehr, kein Wille, keim Kampf, wenig Laufbereitschaft. Das kleine Fußballeinmaleins war ad acta gelegt. Diese Qualitäten aus den Spielern wieder herauszulocken, wird die Hauptaufgabe des neuen (und auch akzeptierten) Trainers Friedhelm Funkel sein.
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