Der 15. Mai 2010 wird für Kevin Prince Boateng zu einem Schicksalsdatum im Lebenslauf werden. Es war der Tag, an dem der 23-Jährige mit seinem Arbeitgeber, dem insolventen FC Portsmouth im FA-Cup Finale gegen den FC Chelsea stand. Was angesichts der desaströsen Finanzen und des damit verbunden Punktabzugs in der Premier League, schon einem kleinen Wunder gleichkam.
Noch in der ersten Halbzeit gerieten er und Michael Ballack, der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft aneinander, in dessen Folge, Ballack eine Watsch’n an seinen Gegner austeilte. Diese Aktion blieb allerdings ungestraft und zog „nur“ eine Rudelbildung nach sich. Minuten später gab es dann den Moment, der nicht nur für Michael Ballack ungeahnte Folgen haben sollte.
Auch der junge Deutsch-Ghanaer Boateng sollte in den kommenden Tagen Salven von Beleidigungen und Schmähungen ertragen müssen. Bei seinem überharten Einsteigen gegen Ballack rissen nämlich das Innenbänder und Teil des vorderen Syndesmosebandes im Sprunggelenk rechts. Das heißt für den Leader der Nationalelf, das er die Weltmeisterschaft von der Couch aus verfolgen wird müssen, denn die Genesungszeit, die Dr. Müller-Wohlfahrt ihm mitteilte, liegt bei 2 Monaten, bevor man wieder in den Leistungssport zurückkehren kann. Die Absage von Ballack traf nicht nur Joachim Löw im italienischen Trainingslager wie ein Komet, sondern auch die vielen „Bundestrainer“ daheim in der Bundesrepublik.
Die Folge war ein Erdrutsch sondergleichen, der inzwischen immer nach andauert. Über den Spieler werden Hasstiraden ausgeschüttet, er wird bezichtigt, das Foul mit dem Ziel begangen zu haben, Ballack auszuschalten. Die ersten Stimmen melden sich sogar mit dem Vorschlag zu Wort, dass man ihn ausbürgern könne. Die Auswüchse vor allem in der Springerpresse, die die Hetze weiter anfacht, sind haarsträubend.
Die Bild-Zeitung bezeichnet das Foulspiel als „Brutalo-Tritt“ und listet akribisch (bezogen auf die typische Bildberichterstattung) auf, wie schwer Ballack sich verletzt hat und fährt zur psychologischen Kriegsführung alles auf. Man verweist auf eine Szene nach dem FA-Cup Finale, die Ballack im Rollstuhl gezeigt habe und, dass er der Triumphfeier fernbleiben musste. Und weil man schon dabei war, garnierte man den Kuchen mit Bildern aus der Saison 2008 / 2009, in der Boateng für ein halbes Jahr für Borussia Dortmund aktiv war. Damals stand er noch bei Tottenham unter Vertrag, wurde folglich ausgeliehen. Die Bild macht den Fall zur nationalen Angelegenheit, in dem der Autor unentwegt von „unserem Kapitän“ schwadroniert. Wo hört sachliche Kritik auf und wo fängt die emotionale Achterbahn an?
Vollkommen die Beherrschung verloren haben in den Social-Networks scheinbar ein Großteil der Mitglieder dort. Gruppen mit den Namen „82.000.000 gegen Boateng“, „Kevin Prince Boateng Staatsfeind Nummer 1“, „Boateng muss zerstört werden“ haben sich dort gegründet. Noch bevor Kevin Prince Boateng sich öffentlich bei Michael Ballack entschuldigte, fiel im sein Vater in den Rücken, in dem er anfing, das Foul seines Sohnes zu rechtfertigen.
Die Wirkung war nicht positiver Natur – welch Überraschung. Wie bei jedem Foulspiel dieser Art sollte man mit Rechtfertigungen bzw. vorgeschobenen Argumenten lieber sparsam umgehen. Dass dem 23-Jährigen nun vorgeworfen wurde, Ballack aus reinem Kalkül heraus verletzt zu haben, weil die deutsche Nationalmannschaft in der Gruppenphase auf Ghana trifft, halte ich für sehr phantasievoll und an den Haaren herbeigezogen. Dass Boateng bei seinem Einsteigen eine Verletzung des Gegners billigend in Kauf nahm, ist sicher.
Ein Platzverweis wäre (auch ohne Verletzung des Geschädigten) der Situation angemessen gewesen. Das ist das, was man kritisieren muss. Einen Spieler allerdings wie „die Sau durchs Dorf zu treiben“, eine Hetzjagd zu arrangieren, beschämt einfach nur und hat nichts mit zielführender Aufarbeitung zu tun. Nach dem im Internet also beleidigende Dinge vor sich gingen, die sich kein Spieler gefallen lassen muss, ging Boateng in die Offensive, und verwies auf die Ohrfeige von Ballack an ihm Minuten zuvor. Wenn das Tier in die Enge getrieben wird, dann ist es für das Tier schwer ruhig zu bleiben.
Die Diskussion im WWW hat auch schon rassistische Züge angenommen – leider. Und leider auch nicht wirklich überraschend. Wie so oft verstecken sich hier viele in ihrer grauen Hülle: Der Anonymität. Und wir sprechen bei rassistischen Beiträgen nicht nur im Bereich Fußball, sondern auch wenn man in die Politik geht. Diesen Bereich auszuleuchten, würde den Rahmen sprengen.
Der Ton im „Fall Boateng“ jedenfalls hat sämtliche Geschmacksgrenzen gesprengt und widert einen teilweise nur noch an. Ja, auch ich verurteile seine Aktion und auch ich habe mich bei der Zeitlupe doch sehr gewundert, dass der Referee sofort auf gelb entschieden hat. Und zugegebenermaßen habe ich das Foul von Ribery an Lopez Revue passieren lassen. Es muss – bei aller Aufregung in den ersten Momenten – möglich sein, ohne Beleidigungen und Ressentiments zu disktutieren.
Politisch, sportlich, bissig, weltoffen, hartnäckig und obendrein auch noch unabhängig.
Donnerstag, 20. Mai 2010
Dienstag, 18. Mai 2010
Rüttgers im Abseits - die NRW-Wahl 2010
Um 18.00 Uhr, bei der mit Spannung erwarteten ersten Hochrechnung, ist bereits klar, dass Jürgen Rüttgers bisherige Regierungskoalition eine harte Landung auf den Boden der Tatsachen würde durchstehen müssen. Die Christdemokraten selbst laufen im Laufe des Wahlabends sogar Gefahr den Status als stärkste Fraktion in die SPD zu verlieren. Die Gesichter wurden lang und länger und Enttäuschung bahnte sich ihren Weg. Der Geschlagene selbst tritt an diesem Abend nur wenige Minuten vor die Kameras, um die Niederlage einzugestehen und sich in der Folge nicht mehr blicken zu lassen. Die Sondersendungen lässt Rüttgers sausen und wurde stattdessen durch sein CDU-Kabinettsmitglied, den Minister für Integration in NRW, Armin Laschet (CDU), vertreten.
Rüttgers selbst soll dem Landesverband sogar noch am Abend seinen Rücktritt angeboten haben, der aber abgelehnt wurde. Der CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe ließ verlauten, dass ein „Bündel von Ursachen“ für das Resultat der CDU in Nordrhein-Westfalen verantwortlich seien. Zu dem analysierte er, dass der Start der Wunsch-Koalition von Christdemokraten und Liberalen in Berlin als holprige zu bezeichnen sei. Nicht zu vergessen, die Spendenaffäre um den Ministerpräsidenten und Spitzenkandidaten Jürgen Rüttgers, der im Nachgang erwähnte, dass er von solche Vorgängen gar keine Kenntnis gehabt habe. Gröhe selbst umschreibt diese verhängnisvolle Enthüllung als „Ärgernisse in der nordrhein-westfälischen Landespolitik“. Es klingt diplomatisch und ist doch gleichzeitige eine Generalabrechnung. Der aktuellen Lage geschuldet spricht Gröhe von den Einflüssen der Griechenlandfrage auf die Geschehnisse der Landesebene. Was die CDU in Berlin als Marschrute ausgibt, das kann schnell zum Bumerang für die Landesfürsten der Partei werden.
In der SPD hingegen regierte die Zuversicht, um nicht zu sagen die Partystimmung. Die Spitzenkandidatin der Sozialdemokraten verkündete nach am Wahlabend voller Stolz und Inbrunst: „Die SPD ist wieder da!“ Doch nicht nur in der Düsseldorfer SPD hatte das Votum der Wähler die Stimmung erheblich gesteigert, auch in Berliner, im Willy-Brandt-Haus brandete Jubel auf. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel schritt, mit einem Schild ausgestattet, ans Podium, um zu verkünden, dass das „System Rüttgers“ abgewählt worden sei. Man war auf Augenhöhe mit dem selbsternannten Arbeiterführer von Nordrhein-Westfalen, mit dem Ministerpräsidenten und was für noch viel mehr Signalwirkung und Aufbruchsstimmung sorgte: Die Schwarz-Gelbe Regierungskoalition in Düsseldorf wurde abgestraft. Die CDU brach um mehr als 10 Prozentpunkte im Vergleich zu 2005 ein. Nach den vielen Niederlagen in den letzten Jahre, insbesondere eine im einstigen Stammland der SPD, ihrer Hochburg, eben Nordrhein-Westfalen, bei der 2005 nach 39 Jahren sozialdemokratischer Führung im Landtag, die SPD erstmals in die Opposition geschickt worden war, schien dieses Ergebnis für die Sozialdemokraten ein Befreiungsschlag der besonderen Intensität gewesen zu sein, der bis nach Berlin hallte. Hannelore Kraft, selbst erst seit 15 Jahren SPD-Mitglied, bekräftige den Anspruch der SPD auf die Regierungsbildung.
Das vorläufige amtliche Endergebnis sieht wie folgt aus:
• CDU: 34,6 % (-10,2 %)
• SPD: 34,5 % (-2,6 %)
• Grüne: 12,1 % (+5,9 %)
• FDP: 6,7 % (+0,5 %)
• Linke: 5,6 % (+2,5 %)
• Andere: 6,5 % (+ 3,9 %)
Soweit in Kürze alles zu den beiden großen (noch) Volksparteien. Neben den Ergebnissen der einzelnen Parteien fällt einem sofort die Wahlbeteiligung ins Auge. Und diese ist vorsichtig gesagt, als bescheiden zu bewerten. Keine 60 % der Wahlberechtigten fanden am Sonntag den Weg zur Urne – die größte Fraktion im Landtag, würde es für diese Gruppierung Stize geben.
Aber auch eine Bankrotterklärung an die Politik. In Zahlen kann man das Dilemma noch mehr unterfüttern. Im Jahr 2005 suchten noch 63 Prozent aller Wahlbeteiligten in NRW die Wahllokale auf. Aktuell waren es nur noch 59,3 Prozent. Über 40 Prozent blieben den Urnen fern. Kramt man in der jüngeren Vergangenheit, so registriert man, dass es im Jahr 2000 eine Wahlbeteiligung von 56,7 Prozent gab. In den 80er Jahren lag die Wahlbeteiligung in jedem Falle über der 70 Prozentmarke. Die Menschen scheinen weiterhin einem enormen Vertrauensabbau in die Politik zu unterliegen. Die bittere Erkenntnis ist, dass die Haltung vieler nachvollziehbar ist, denn die Differenzen zwischen CDU und SPD sind lange nicht so tief gewesen, wie sie von beiden Seiten heute aufgeblasen werden. Gregor Gysi nannte das im Bundestag einmal „Konsenssoße“. Erst seit der Bundestagswahl, die eine Schwarz-Gelbe Koalition hervorbrachte.
Ab diesem Zeitpunkt ging die SPD in Opposition zu ihren eigenen politischen Hinterlassenschaften. Auf einmal wird die Agenda 2010 hinterfragt, das Renteneintrittsalter soll auf den Prüfstand und man möchte eine internationale Finanztransaktionssteuer. Das Problem ist, dass die SPD diese Auffassung noch nicht allzu lange vertritt und eben zu Zeiten der großen Koalition in Berlin von Angela Merkel regelmäßig nicht auf das Thema einging. Desweiteren verschweigt man gerne, dass erst unter Rot-Grün des Spitzensteuersatz von 53 % auf 42 % gesenkt wurde. Erst im Jahr 2007 wurde er auf 45 % angehoben.
Rüttgers selbst soll dem Landesverband sogar noch am Abend seinen Rücktritt angeboten haben, der aber abgelehnt wurde. Der CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe ließ verlauten, dass ein „Bündel von Ursachen“ für das Resultat der CDU in Nordrhein-Westfalen verantwortlich seien. Zu dem analysierte er, dass der Start der Wunsch-Koalition von Christdemokraten und Liberalen in Berlin als holprige zu bezeichnen sei. Nicht zu vergessen, die Spendenaffäre um den Ministerpräsidenten und Spitzenkandidaten Jürgen Rüttgers, der im Nachgang erwähnte, dass er von solche Vorgängen gar keine Kenntnis gehabt habe. Gröhe selbst umschreibt diese verhängnisvolle Enthüllung als „Ärgernisse in der nordrhein-westfälischen Landespolitik“. Es klingt diplomatisch und ist doch gleichzeitige eine Generalabrechnung. Der aktuellen Lage geschuldet spricht Gröhe von den Einflüssen der Griechenlandfrage auf die Geschehnisse der Landesebene. Was die CDU in Berlin als Marschrute ausgibt, das kann schnell zum Bumerang für die Landesfürsten der Partei werden.
In der SPD hingegen regierte die Zuversicht, um nicht zu sagen die Partystimmung. Die Spitzenkandidatin der Sozialdemokraten verkündete nach am Wahlabend voller Stolz und Inbrunst: „Die SPD ist wieder da!“ Doch nicht nur in der Düsseldorfer SPD hatte das Votum der Wähler die Stimmung erheblich gesteigert, auch in Berliner, im Willy-Brandt-Haus brandete Jubel auf. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel schritt, mit einem Schild ausgestattet, ans Podium, um zu verkünden, dass das „System Rüttgers“ abgewählt worden sei. Man war auf Augenhöhe mit dem selbsternannten Arbeiterführer von Nordrhein-Westfalen, mit dem Ministerpräsidenten und was für noch viel mehr Signalwirkung und Aufbruchsstimmung sorgte: Die Schwarz-Gelbe Regierungskoalition in Düsseldorf wurde abgestraft. Die CDU brach um mehr als 10 Prozentpunkte im Vergleich zu 2005 ein. Nach den vielen Niederlagen in den letzten Jahre, insbesondere eine im einstigen Stammland der SPD, ihrer Hochburg, eben Nordrhein-Westfalen, bei der 2005 nach 39 Jahren sozialdemokratischer Führung im Landtag, die SPD erstmals in die Opposition geschickt worden war, schien dieses Ergebnis für die Sozialdemokraten ein Befreiungsschlag der besonderen Intensität gewesen zu sein, der bis nach Berlin hallte. Hannelore Kraft, selbst erst seit 15 Jahren SPD-Mitglied, bekräftige den Anspruch der SPD auf die Regierungsbildung.
Das vorläufige amtliche Endergebnis sieht wie folgt aus:
• CDU: 34,6 % (-10,2 %)
• SPD: 34,5 % (-2,6 %)
• Grüne: 12,1 % (+5,9 %)
• FDP: 6,7 % (+0,5 %)
• Linke: 5,6 % (+2,5 %)
• Andere: 6,5 % (+ 3,9 %)
Soweit in Kürze alles zu den beiden großen (noch) Volksparteien. Neben den Ergebnissen der einzelnen Parteien fällt einem sofort die Wahlbeteiligung ins Auge. Und diese ist vorsichtig gesagt, als bescheiden zu bewerten. Keine 60 % der Wahlberechtigten fanden am Sonntag den Weg zur Urne – die größte Fraktion im Landtag, würde es für diese Gruppierung Stize geben.
Aber auch eine Bankrotterklärung an die Politik. In Zahlen kann man das Dilemma noch mehr unterfüttern. Im Jahr 2005 suchten noch 63 Prozent aller Wahlbeteiligten in NRW die Wahllokale auf. Aktuell waren es nur noch 59,3 Prozent. Über 40 Prozent blieben den Urnen fern. Kramt man in der jüngeren Vergangenheit, so registriert man, dass es im Jahr 2000 eine Wahlbeteiligung von 56,7 Prozent gab. In den 80er Jahren lag die Wahlbeteiligung in jedem Falle über der 70 Prozentmarke. Die Menschen scheinen weiterhin einem enormen Vertrauensabbau in die Politik zu unterliegen. Die bittere Erkenntnis ist, dass die Haltung vieler nachvollziehbar ist, denn die Differenzen zwischen CDU und SPD sind lange nicht so tief gewesen, wie sie von beiden Seiten heute aufgeblasen werden. Gregor Gysi nannte das im Bundestag einmal „Konsenssoße“. Erst seit der Bundestagswahl, die eine Schwarz-Gelbe Koalition hervorbrachte.
Ab diesem Zeitpunkt ging die SPD in Opposition zu ihren eigenen politischen Hinterlassenschaften. Auf einmal wird die Agenda 2010 hinterfragt, das Renteneintrittsalter soll auf den Prüfstand und man möchte eine internationale Finanztransaktionssteuer. Das Problem ist, dass die SPD diese Auffassung noch nicht allzu lange vertritt und eben zu Zeiten der großen Koalition in Berlin von Angela Merkel regelmäßig nicht auf das Thema einging. Desweiteren verschweigt man gerne, dass erst unter Rot-Grün des Spitzensteuersatz von 53 % auf 42 % gesenkt wurde. Erst im Jahr 2007 wurde er auf 45 % angehoben.
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