Donnerstag, 20. Mai 2010

Die Sau wird durchs Dorf getrieben

Der 15. Mai 2010 wird für Kevin Prince Boateng zu einem Schicksalsdatum im Lebenslauf werden. Es war der Tag, an dem der 23-Jährige mit seinem Arbeitgeber, dem insolventen FC Portsmouth im FA-Cup Finale gegen den FC Chelsea stand. Was angesichts der desaströsen Finanzen und des damit verbunden Punktabzugs in der Premier League, schon einem kleinen Wunder gleichkam.
Noch in der ersten Halbzeit gerieten er und Michael Ballack, der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft aneinander, in dessen Folge, Ballack eine Watsch’n an seinen Gegner austeilte. Diese Aktion blieb allerdings ungestraft und zog „nur“ eine Rudelbildung nach sich. Minuten später gab es dann den Moment, der nicht nur für Michael Ballack ungeahnte Folgen haben sollte.
Auch der junge Deutsch-Ghanaer Boateng sollte in den kommenden Tagen Salven von Beleidigungen und Schmähungen ertragen müssen. Bei seinem überharten Einsteigen gegen Ballack rissen nämlich das Innenbänder und Teil des vorderen Syndesmosebandes im Sprunggelenk rechts. Das heißt für den Leader der Nationalelf, das er die Weltmeisterschaft von der Couch aus verfolgen wird müssen, denn die Genesungszeit, die Dr. Müller-Wohlfahrt ihm mitteilte, liegt bei 2 Monaten, bevor man wieder in den Leistungssport zurückkehren kann. Die Absage von Ballack traf nicht nur Joachim Löw im italienischen Trainingslager wie ein Komet, sondern auch die vielen „Bundestrainer“ daheim in der Bundesrepublik.

Die Folge war ein Erdrutsch sondergleichen, der inzwischen immer nach andauert. Über den Spieler werden Hasstiraden ausgeschüttet, er wird bezichtigt, das Foul mit dem Ziel begangen zu haben, Ballack auszuschalten. Die ersten Stimmen melden sich sogar mit dem Vorschlag zu Wort, dass man ihn ausbürgern könne. Die Auswüchse vor allem in der Springerpresse, die die Hetze weiter anfacht, sind haarsträubend.
Die Bild-Zeitung bezeichnet das Foulspiel als „Brutalo-Tritt“ und listet akribisch (bezogen auf die typische Bildberichterstattung) auf, wie schwer Ballack sich verletzt hat und fährt zur psychologischen Kriegsführung alles auf. Man verweist auf eine Szene nach dem FA-Cup Finale, die Ballack im Rollstuhl gezeigt habe und, dass er der Triumphfeier fernbleiben musste. Und weil man schon dabei war, garnierte man den Kuchen mit Bildern aus der Saison 2008 / 2009, in der Boateng für ein halbes Jahr für Borussia Dortmund aktiv war. Damals stand er noch bei Tottenham unter Vertrag, wurde folglich ausgeliehen. Die Bild macht den Fall zur nationalen Angelegenheit, in dem der Autor unentwegt von „unserem Kapitän“ schwadroniert. Wo hört sachliche Kritik auf und wo fängt die emotionale Achterbahn an?


Vollkommen die Beherrschung verloren haben in den Social-Networks scheinbar ein Großteil der Mitglieder dort. Gruppen mit den Namen „82.000.000 gegen Boateng“, „Kevin Prince Boateng Staatsfeind Nummer 1“, „Boateng muss zerstört werden“ haben sich dort gegründet. Noch bevor Kevin Prince Boateng sich öffentlich bei Michael Ballack entschuldigte, fiel im sein Vater in den Rücken, in dem er anfing, das Foul seines Sohnes zu rechtfertigen.

Die Wirkung war nicht positiver Natur – welch Überraschung. Wie bei jedem Foulspiel dieser Art sollte man mit Rechtfertigungen bzw. vorgeschobenen Argumenten lieber sparsam umgehen. Dass dem 23-Jährigen nun vorgeworfen wurde, Ballack aus reinem Kalkül heraus verletzt zu haben, weil die deutsche Nationalmannschaft in der Gruppenphase auf Ghana trifft, halte ich für sehr phantasievoll und an den Haaren herbeigezogen. Dass Boateng bei seinem Einsteigen eine Verletzung des Gegners billigend in Kauf nahm, ist sicher.
Ein Platzverweis wäre (auch ohne Verletzung des Geschädigten) der Situation angemessen gewesen. Das ist das, was man kritisieren muss. Einen Spieler allerdings wie „die Sau durchs Dorf zu treiben“, eine Hetzjagd zu arrangieren, beschämt einfach nur und hat nichts mit zielführender Aufarbeitung zu tun. Nach dem im Internet also beleidigende Dinge vor sich gingen, die sich kein Spieler gefallen lassen muss, ging Boateng in die Offensive, und verwies auf die Ohrfeige von Ballack an ihm Minuten zuvor. Wenn das Tier in die Enge getrieben wird, dann ist es für das Tier schwer ruhig zu bleiben.

Die Diskussion im WWW hat auch schon rassistische Züge angenommen – leider. Und leider auch nicht wirklich überraschend. Wie so oft verstecken sich hier viele in ihrer grauen Hülle: Der Anonymität. Und wir sprechen bei rassistischen Beiträgen nicht nur im Bereich Fußball, sondern auch wenn man in die Politik geht. Diesen Bereich auszuleuchten, würde den Rahmen sprengen.

Der Ton im „Fall Boateng“ jedenfalls hat sämtliche Geschmacksgrenzen gesprengt und widert einen teilweise nur noch an. Ja, auch ich verurteile seine Aktion und auch ich habe mich bei der Zeitlupe doch sehr gewundert, dass der Referee sofort auf gelb entschieden hat. Und zugegebenermaßen habe ich das Foul von Ribery an Lopez Revue passieren lassen. Es muss – bei aller Aufregung in den ersten Momenten – möglich sein, ohne Beleidigungen und Ressentiments zu disktutieren.

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