Montag, 26. Juli 2010

Die Sommerpause

Ich sitze zwischen den Stühlen, wie man so schön sagt. Die 19. Fußballweltmeisterschaft ist seit 11. Juli Geschichte und die zweite Bundesliga startet erst wieder am 20. August. Was macht man also in der dieser Zeit, wie verkraftet man den harten Entzug? Ich jedenfalls fühle mich ein wenig ausgemergelt, lebe sozusagen enthaltsam – so zumindest fühlt es sich von Zeit zu Zeit an. Keine Bundesliga, kein Pokalwettbewerb, keine Nationalmannschaft.
Das Sparprogramm sozusagen, wie bei der Waschmaschine. Wenn die Wettbewerbe laufen, dann nerve ich meine Freundin oft mit Lappalien. Ich texte sie ohne Punkt und Komma über die Details des Spieltags zu, ich arbeite nochmals alle kritischen Szenen auf und sie ist man unfreiwilliger Co-Moderator. Die Sportschau gehört zum ganz normalen Ritual. Alle Spiele (1. Bundesliga) werden jeweils in einem 10 Minutenblock analysiert, Interviews gezeigt. Für meine Freundin ist es eine Tortur. Ich bürde ihr das alles auf und sie nimmt es (fast) ohne Murren auf sich. Nun könnte man meine, die fußballfreie Zeit ist für einen wie mich, der sonst den größten Teil des Jahres unter Storm steht, ein willkommener Anlass den Pegel ein bisschen runterzufahren, der irrt. Ich ertappe mich in diesen Zeiten selbst dabei, wie ich zwanghaft nach Halt suche. Also fix Transfermarkt.de aufgesucht, in der Hoffnung, dass sich etwas ergeben hat, ein Spielerwechsel, ein wildes (möglichst spektakuläres) Gerücht, Sensationen eben. Ja, im Sommerloch wird man (n) schlicht weg sensationsgeil. Das merkt man schon anhand der Gerüchte, die immer zur wärmsten Zeit des Jahres am köcheln sind (manche drohen überzulaufen). Wichniarek zu Union? Alleine schon die Verbindung – köstlich. Hm, schaden kann es nicht, also tauchen wir doch mal in den Thread ein.
Einen Tag, ohne die neusten Meldungen zu prüfen? Existiert nicht! Ich dürste nach Informationen, gerade jetzt. Und der Hunger kann nur schwer gestillt werden. Auch auf der offiziellen Internetpräsenz des 1.FC Union tat sich wochenlang wenig. Spieler und Trainer waren im Urlaub, entspannten. Nur ich, ich habe mich als Jäger und Sammler betätigt. Und das Internet wird zur Hauptnahrungs- und Futterquelle, um den eben beschriebenen Hunger zu stillen.

Auch heute habe ich wieder gewildert: „Piotr Trochowski zu Hannover 96“, steht da ein großen Lettern. Ein Stoff, der das Sommerloch zumindest wieder ein bisschen mehr verschließt. Ein Deal zwischen dem FC Liverpool und dem HSV? Marcell Jansen ist das Objekt der Begierde. Ja! Sowas wollen wir sehen. Yes, nun fühle ich mich wieder ein bisschen wohler.

Manchmal fragt man sich, wie es frühere Generationen geschafft haben, diese Zeit zu überbrücken. Die Antworten liegen allerdings auf der Hand: Man hat sich das Spielgerät geschnappt und es ist raus auf den Platz gegangen. Dieses Phänomen trifft man heute seltener an. Das Internet verleitet einen ehr, die Schuhe im Schrank zu belassen und sich stattdessen mit einem guten Bierchen die News auf Sport1 anzusehen.

Doch nicht die Fans leiden bewegungstechnisch unter der Sommerpause. Auch die Profis der Vereine. So gab vor einem Jahr ein gewisser Holger Stromberg, seines Zeichens Meisterkoch und verantwortlich für das, was bei der Nationalmannschaft auf den Teller kommt, intime Einblicke in die Essenskultur der Berufsfußballer. Und diese leidet seiner Ansicht nach gerade im Urlaub erheblich. Ich persönlich halte diesen „Ernährungswächter“ für ein klein wenig übereifrig. Grundsätzlich aber hat er interessante Aspekte herausgearbeitet, die zeigen, dass auch die Profis sich mit der Sommerpause schwer tun.

Ich werde weiterhin ab und an sündigen, mich an die Neuheiten klammern und dabei einen kleinen aber feinen Kakao schlürfen.

Sonntag, 25. Juli 2010

Alles geplant

Am 12. Mai 2002 kam es in Spielberg, beim sechsten WM-Lauf der Formel 1, kam es zu einer Szene, die die Gemüter im Fahrer – und Teamlager und bei den Zuschauern zum kochen brachte. Nach 307,146 Kilometer wurde Rubens Barrichello auf der Zielgeraden auf einmal aus (nicht ganz) unerklärlichen Gründen langsamer und so trug es sich zu, dass Michael Schumacher, der der Weltmeisterschaft deutlich anführte, wenige Meter vor der Ziellinie Barrichello passierte. Zuvor hatte Jean Todt, damals Teamchef der Scuderia, Rubens Barrichello einen Funkspruch zukommen: „Let Michael pass for the championship.“ Das war insofern hochexplosiv als dass zu dieser Zeit die Funksprüche nicht so transparent waren. Noch auf dem Podest drückte Schumacher dem Zweiten Barrichello nicht nur den Pokal in die Hand, sondern überließ ihm auch das oberste Treppchen.

Die Konsequenzen aus diesem bizarren Schauspiel waren durchschlagend. Die s.g. Stallorder, das bewusste Einfluss nehmen eines Teams auf das Rennergebnis durch Anweisungen an die Fahrer, die Positionen zu tauschen, der Punkte wegen, obwohl der an Nummer eins fahrende Fahrer tatsächlich schneller unterwegs ist, wurde verboten.

Nun, im Jahr 2010 gibt es ein Déjà-vu, beim Großen Preis von Deutschland in Hockenheim. Die Ferrari schienen in der Reihenfolge Massa, dann Alonso, auf den Positionen eins und zwei ins Ziel zu kommen, doch die Reihenfolge wurde auf Geheiß der Teamleitung verändert, da Alonsos Punktekonto sich dicker gestaltet, als das seines Teamkollegen Felippe Massa. Hierbei entscheident: Ist das „angeordnete“ Überholmanöver „teamtaktisch“, dann ist es regulär und darf durchgeführt werden. Geht es aber darum einen Fahrer, der mit Nichten schneller als sein Teamkollege ist, an seinem Widersacher vorbei zu schieben, zieht es Sanktionen nach sich. Auch hier wird illustriert, dass Teamorder als sehr wohl möglich sind, durchführbar auch bei den Regularien, die gelten. Und auch bei diesem Beispiel war der Hockenheim Ring der Ort, an dem es sich zutrug. Im Jahr 2008 gab es inoffizielle Teamorder zwischen Lewis Hamilton und seinem Teamkollegen Heikki Kovalainen. Anstatt in den Positionskampf mit dem hinter ihm postierten Hamilton gehen zu können, musste er ihn ohne Gegenwehr ziehen lassen.

Unterschlagen darf man auch nicht, dass das Nachtankverbot in der aktuellen Saison 2010 für potentielle Sünder ein weiteres Hintertürchen geöffnet hat. Die Order „Save fuel“ kennen wir inzwischen nur zu gut und überhaupt kann ein Fahrer auch mal einen Fahrfehler einbauen, den Bremspunkt verpassen, sich verschalten. Die Angebotspalette ist breit.

Nach dem heutigen Grand Prix gab es harte Anschuldigungen in Richtung Ferrari – die im Übrigen vollkommen korrekt und wichtig sind. Was man Ferrari vorwerfen kann ist, dass Funksprüche wie „Fernando ist schneller als Du. Kannst du das bestätigen?“, den Fall nicht gerade wässriger erscheinen lassen. Vielmehr hat Ferrari mit offenen Karten gespielt, das Reißbrett publiziert, wenn man so will. Ende Mai diesen Jahres machte es Red Bull, das Team, welches sich jetzt furchtbar echauffiert, wesentlich intransparenter, versteckter, cleverer. Lange für Webber vor Vettel, zu diesem Zeitpunkt waren beide gleich auf in der Fahrerwertung, dann bekam Webber nach eigenem Bekunden die Order Sprit zu sparen, also am Gemisch zu schrauben. Das hatte der Motorsportchef Marko anders zu Protokoll gegeben. Webber anscheinend war nicht damit einverstanden, Vettel kampflos vorbeiziehen zu lassen und der Deutsche, der nicht gerade durch mangelndes Selbstbewusst sein verfügt, fuhren ineinander. Für mich war die Aktion des Kommandostandes eine Inszenierung, die zeigte, wie man die bestehenden Fesseln durch Absprache sprengen kann.

Donnerstag, 15. Juli 2010

Kleiner politischer Rückblick

Der Weltmeisterschaft in Südafrika läuft nun bald seit 4 Wochen und ist für die deutsche Mannschaft bisher äußerst erfolgreich verlaufen und – so scheint es – wenn es um Mannschaftszusammenhalt geht, dann hat die Regierung so viel Nachholbedarf, dass man die Kanzlerin persönlich ins Green Point Stadium geschliffen hat, um der wankenden Statue Anschauungsunterricht zu erteilen. Aber, so wissen wir alle, natürlich ist dies nicht der Fall. Angela Merkel, die Frau, gegen die sich wohl der Zorn einiger CDU-Wahlfrauen und Männer in der Bundesversammlung am 30. Juni hat in Form von drei Wahlgängen hat zu Gemüte führen dürften, versucht sich wohl ein wenig zu entspannen und hoffte vor dem Spiel, dass die Mannschaft weiterhin für Siegestaumel, für Ablenkung in der Heimat sorgen würde. Denn genau das ist es, was die Koalition nun zu brauchen scheint, was die Hoffnung symbolisiert. So viele Neuanfänge waren in den letzten Wochen initiiert worden, immer wieder beschworen. Nach dem man nun die Bundespräsidentenwahl hinter sich hat, geht es nun in der Koalition ans Werk und es passiert genau das, was man sich im Hinterstübchen bereits hat ausgemalt. Wochenlang stritten sich Gesundheitsminister Rösler (FDP) und die CSU um sein Projekt einer einkommensunabhängigen Kopfpauschale von 30 Euro für jeden der gesetzlich versichert ist – hier sprechen wir von 50 Millionen Menschen.

Der Streit in den letzten Wochen bekam groteske Züge. Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, Daniel Bahr (FDP), attackierte die CSU mit unschönem Vokabular. „Wie eine Wildsau“ sie die CSU aufgetreten, in der Frage der Kopfpauschale. Die CSU lehnte das Modell Röslers konsequent ab. 11 Milliarden Euro, diese Defizit erwartet man bei den Krankenkassen, und dieses möchte kompensiert werden. Bayerns Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) zeigte sich erstaunt, dass der Gesundheitsminister Rösler sich praktisch in sein Modell „verbissen“ habe. Der FDP-Generalsekretär Lindner quengelte, die Kanzlerin möge sich doch bitte auch noch einschalten und hatte wohl schon eingeplant, dass sie sich auf die Seite der FDP schlagen würde.
Durch das inoffizielle Parteiorgan (so zumindest mein Eindruck) BILD-Zeitung, ließ Merkel verlauten, dass sie sich „Ruhe“ und keinen „unnötigen Zeitdruck“ für die Verhandlungen vom Gesundheitsminister mit den Vorsitzenden der Koalitionären, wünsche.
Außerdem ließ sie mitteilen, wie sehr sie Rösler schätze und für wie exzellent sie ihn halte – auf die Frage, ob er diese Legislaturperiode als Minister überdauern würde.
Die CSU schoss den Vogel – ähnlich wie Rösler – wieder mit einem Vorschlag ab, der wieder nur einseitig der Versicherten belastet. 5 Euro pro Arztbesuch, von jedem Versicherten. Die Arbeitgeber applaudierten – kein Wunder, wären sie aus dem Schneider.
Das mehr gezahlten werden muss, ist unausweichlich, und das sage ich, als einer der Betroffenen. Die Frage ist, wie verteilt man die Kosten.

Die nun wohl fast schon beschlossene Zurücknahme der Senkung Krankenkassenbeitrags um 0,6 Prozent aus dem letzten Jahr, scheint beschlossene Sache. Die Beiträge sollen wieder auf 15,5 Prozent angehoben werden. An sich erstmal kein großes Drama, da auch die Arbeitgeber ihren Anteil tragen. Der Abreitnehmer natürlich zuzüglich 0,9 Prozentpunkte. Aber weshalb dann das Kasperletheater in der Vergangenheit, wenn man nun, während der Weltmeisterschaft und nach der Bundespräsidentenwahl, doch innerhalb von wenigen Tagen eine Einigung erzielt zu haben scheint? Es bleibt – mal wieder – ein fader Beigeschmack. Interessant bleibt auch weiterhin.

Und auch die theoretische Beteiligung der Pharmakonzerne, ist eine Seifenblase. Es muss vor Einführung eines Wirkstoffs bzw. Medikaments dessen Nutzung nachgewiesen werden, um zu kontrollieren wie sinnvoll ein Präparat wirklich ist. Neue patentgeschützte Medikamente können in Deutschland von den Herstellern zu beliebigen Preisen auf den Markt gebracht werden und sie müssen von den Kassen bezahlt werden. Es muss möglich sein, dass diese Anarchie aufhört, hier ein Riegel vorgeschoben wird.

Auch die Zusatzbeiträge sind nun von Regierungsseite freigegeben. Bisher galt ein Prozent des Einkommens als Höchstsatz, dies wurde nun abgeschafft. Die Schranken eingerissen. Außerdem wird der Arbeitgeberbetrag an dem Krankversicherungsbeitrag eingefroren. Künftige Belastungen gehen damit einseitig auf Kosten der Versicherten. Interessant ist: Monatelang taktierte die Koalition, es stand ja eine wichtige Wahl an. Nun geht auf einmal alles seinen Gang, alles scheint zu laufen, die Räder greifen ineinander.
Machtpolitische Motive haben mal wieder dazu geführt, dass auf einem wichtigen Feld der Politik nichts voran ging.