Um 17.30 Uhr betrete ich die Traversen im Stadion an der Alten Försterei, Gebrabbel kriecht in meine Ohren.
Der Duft von Bratwurst legt sich über die Zuschauer und aus den Boxen ertönt Rockmusik. Später dann sagt Stadionsprecher Christian Arbeit die Aufstellung der Mannschaft an, die am heutigen Abend den Rasen umpflügen wird. Danach wird zusammen die Hymne intoniert: 14.000 Kehlen verwandeln das Stadion in einen Hexenkessel. Ich bin beim 1.FC Union.
Stehe unweit der Stelle, an der ich im Oktober 2003 meine Premiere gefeiert habe. Zigarettenrauch steigt über den Blöcken auf, sammelt sich unter dem Dach, um langsam an den Seiten zu entweichen. Die Ränge sind in rot und weiß getaucht, die Augen fixieren das Spielgerät, welches von den Akteuren auf dem morastigen Boden unaufhörlich malträtiert wird.
Wahrlich, der Untergrund hatte die Bezeichnung Rasen nicht verdient und machte den Spielern das Spielen unmöglich. Der VfL Osnabrück hatte seine Zelte aufgeschlagen und trug seinerseits zu einem turbulenten und torreichen Spiel bei. Nur man selbst spürte die grauen Haare sprießen, die von Minute zu Minute die Überhand auf dem Kopf zu übernehmen schienen. Ich klammerte mich an meinen Rucksack und entspannte mich durch das rhythmische Kauen auf meinen Fingernägeln. Reue? Keine roten Backen? Nein, zu subversiv verhielt sich der Gegner, zu erfolgreich war er dabei.
Und so reiht sich dieses Spiel in die vielen Begegnungen des 1.FC Union in den letzten Jahren ein. Nicht selten schwang der Gegner die feinere Klinge, doch besannen sich die Kicker auf ihre Grundtugenden, dann konnte man auch dem technisch beschlagenen Gegner einen großen Fight liefern. Das war vor sieben Jahren. Inzwischen hat der Verein aus Köpenick seinen Kader reifen lassen, ihn punktuell verstärkt, das Vertrauen in den eigenen, individuellen Weg nie Preis gegeben.
Doch auch die ganz normalen Mechanismen lassen sich lokalisieren. Seit dem Juni 2009 nimmt der 1.FC Union am Spielbetrieb der 2. Bundesliga wieder teil. Zuvor wirkte man von 2001 bis 2003 in der zweithöchsten deutschen Spielklasse mit.
Seit Sommer 2007 (Regionalliga Nord) hat Uwe Neuhaus an der Seitenlinie das Steuer übernommen. Noch nie war die Kritik am Übungsleiter – mit Ausnahme der ersten Wochen seiner Amtszeit – so hörbar, wie aktuell. Die Spiele mit dem „Graue-Haare-Zuwachs-Faktor“ häuften sich in letzter Zeit und zu oft stand der 1.FC Union am Ende dieser auf des Messerschneide stehenden Spiele, auf der Verliererseite der Medaille. Nun ist das die Last, die ein Trainer mit sich trägt, immer damit rechnen zu müssen, hinterfragt zu werden, das eigene Handeln unter Beobachtung Externer zu wissen.
Schaut man auf die Vergangenheit wirkt das alles wie eine große Bagatelle. Noch im Sommer 2004 stand der 1. FC Union nach dem Abstieg aus der zweiten Bundesliga vor dem sportlichen und wirtschaftlichen Kollaps. Flankiert vom martialisch anmutenden Spendenaufruf „Bluten für Union“ (und einigen Prominenten wie z. B. Uwe Seeler), kratzte man die vom DFB geforderte Liquiditätsreserve von 1,46 Millionen Euro zusammen, um sie auf einem Treuhandkonnte hinterlegen zu können.
Diese berechtigten zur Lizenz, die sozusagen das Startrecht für die damalige Regionalliga darstellte. Nun musste man im Anschluss den knapp bemessenen Rest an finanziellen Mitteln zusammenfegen, von dem man eine junge, hungrige und vor allem preiswerte Truppe zusammenschusterte. Auch ein neuer, preiswerter Übungsleister wurde verpflichtet, einer der unkonventionelle Methoden vorsieht und auch mit einer aus der Not heraus geborenen Mannschaft Ertrag scheffeln kann. Soweit die Theorie. In der Praxis ließ es sich äußerst unangenehm und ertragsarm an. Schon im September, nach nur drei Monaten, am Anschluss an die längste Durststrecke des Vereins (6. Niederlagen am Strück), musste Frank Wormuth – der neue, preiswerte und „zu weiche“ Trainer – seine Zelte in Berlin abbrechen und „wurde gegangen“.
Auch sein Nachfolger, eine vereinsinterne Lösung, entpuppte sich als kurzes Intermezzo. Werner „Pico“ Voigt realisierte vergleichsweise Zügig, dass das Konzept „jung und hungrig“ keine Zukunft hatte und so strich er bereits im November nach dem Aus im Paul-Rusch-Pokal bei Tennis Borussia (im September hatte er das Ruder übernommen) aus eigenen Stücken die Segel, verließ die Kommandobrücke. In den Herbst / Winter fielen zu allem Überfluss auch noch Nachrichten über Deckungslücken im Etat. Das erste Spiel der Rückrunde 2004 / 2005 (fand auf Grund des Spielplans noch im Jahr 2004 statt) in Wuppertal fand unter der Leitung von Lothar Hamann statt. Es sollte sein einziges bleiben.
Ersetzt wurde er durch Frank Lieberam, der noch aus DDR-Zeiten bekannt war. Zwischen 1986 und 1991 spielte Lieberam für Dynamo Dresden. Hinzu wurden mit Sebastian Bönig, David Bergner und Marcel Rath drei Spieler verpflichtet, mit denen man, im Januar 2005, tief im Tabellenkeller, auf die Wende hoffte. Immerhin, Sebastian Bönig und Bergner sollten Spieler werden, die nach dem Neuanfang im Sommer 2005 zwei Jahre das Gesicht der Mannschaft prägten. Marcel Rath hingegen verließ den Verein nach einem halben Jahr wieder. Das Unternehmen „mit aller Gewalt Klassenerhalt“ wurde Anfang April 2005, vor dem Heimspiel gegen Bielefeld II, offiziell begraben. Die Planungen für die Oberliga – die erste Saison, in der der 1.FC Union viertklassig spielte, begannen. Zuvor fiel der Jahresheimauftakt gegen Holstein Kiel zum Winter zum Opfer. So musste man im Februar 2005 im Köln gegen die Amateure des „FC“ antreten und verlor sang- und klanglos 0:2. Am Ende stand eine katastrohpale Saison, in deren Verlauf man sich bereits von vielen Spielern trennte und in deren Endphase man jungen Spielern aus der zweiten Mannschaft ein paar Einsatzminuten gönnte.
Nach 36 Spielen standen mickrige 27 Punkte – zum Klassenerhalt fehlten 13 Punkte.
Das alles ist auch Union.
Es ging hoch und runter – und das wird auch in Zukunft passieren. Nur so tief, wie damals, soll es nie wieder gehen. Aber selbst wenn, dann werden den 1.FC Union immer noch tausende begleiten – beim erneuten Austieg.