Sonntag, 22. April 2012

Hysterie

Das „Gedicht“ von Günther Grass sorgte in den letzten Tagen
für viel Wirbel und trieb teilweise absurde Blüten. Ich bin der Letzte, der
eine differenzierte Auseinandersetzung mit einem solchen politischen Statement
unterdrücken wollen würde. Im Gegenteil; ich finde es wichtig, dass man sich
mit solchen Thesen, wie sie Günther Grass vertritt, auseinandersetzt. Meine
persönliche Meinung ist, dass der Kommentar – und nichts anderes ist das, was
Grass veröffentlichte – grundsätzlich in die richtige Richtung geht und
durchaus unangenehme Fragen stellt. „Was gesagt werden muss“ ist kein Gedicht. Es
ist schon äußerst grotesk, dass selbst erklärte Gegner Grass´ Meinung das
Schriftstück als Gedicht bezeichnen. Vielmehr ist es ein Positionspapier,
welches ich im Wesentlichen nachvollziehen kann.

Auslöser dieses Schreibens war für Grass eine U-Boot-Lieferung
Deutschlands an Israel. Grass prangert an, dass diese Lieferung in ein Gebiet
erfolgt, welches man als Pulverfass und instabil bezeichnen kann. Das
wiederspricht sämtlichen humanistischen Vorstellungen des normal denkenden
Menschen. Den Konfliktparteien auch noch Munition zu liefern, ist aus meiner
Sicht schlicht pervers. Grass´ Fehler – und das muss man klar zur Sprache
bringen - ist, dass er Israel als Ganzes verurteilte, aber, so gab er es später zu – die aktuelle Regierung in Israel
kritisieren wollte. Eine Bagatellisierung des Regimes in Teheran konnte ich
beim besten Willen nicht erkennen. Der Iran soll die nukleare Macht haben
Israel zu vernichten?

Diese These ist auf Vermutungen gestützt; was nicht auf
Vermutungen geschützt ist, ist, dass Israel auf über 200 Atombomben im eigenen
Arsenal zurückgreifen kann. Der Staat wurde „von Freunden“ in den letzten
Jahren – unter ihnen auch Deutschland – tapfer hochgerüstet. Dass das zu einem Problem ausarten kann ist unbestritten.
Auch die kritische Debatte befürworte ich ausdrücklich. Aber das
hysterische Leugnen und Wegdiskutieren, wie es in der FDP, der Union aber auch
in Kreisen von pro israelischen Personen vorkommt, ist verheerend. Nun
diskutiert man über Günther Grass´ Person. Jedoch sollte seine Schrift im
Vordergrund stehen.

Inzwischen hat sich die erste Welle der Empörung ein wenig
gelegt. Israels Regierung (nicht die Bevölkerung!) hat sich alle Mühe gemacht,
sämtliche Klischees garantiert zu bestätigten und gegen Grass ein
Einreiseverbot verhängt. Dieser Schritt sorgte selbst in der CDU für
Kopfschütteln – und das will was heißen. Die Reaktionen haben eines klar
dokumentiert: immer noch tut man sich in Deutschland schwer mit berechtigter
Kritik an Israel. Das Argument, dass Herr Thomas de Maizière, seines Zeichens
Verteidigungsminister, zaghaft so etwas Kritikähnliches zu Protokoll gab,
ändert daran nichts. Das Rüstungsgeschäft selbst hätte man stoppen bzw. geißeln
müssen. Doch das geschah nicht. Deswegen war das auch inhaltsleer und haltlos.
Ich würde mir wünschen, dass man unverkrampfter mit Günther
Grass umgeht, und endlich klarer das Problem der Aufrüstung im Nahen Osten anspricht.