Samstag, 1. September 2012

Wie mit einer Sportlerin gespielt wird.


Der Fall Drygalla, wie viele ihn nannten, ist aus meiner Sicht ein perfektes Beispiel dafür, wie schwer wir uns damit tun in bestimmten Situationen Demokratie wirklich zu leben. Die Dame aus Rostock (1989 auch dort geboren), die für den Deutschen Ruderverband in London an den Start geht, ist eine Partnerschaft mit einem Ex-NPD-Politiker eingegangen, der außerdem auch in Kameradschaften in Mecklenburg-Vorpommern aktiv war. Nach dem diese Beziehung im Herbst 2011 publik wurde, scheidet sie aus dem Polizeidienst aus und tritt auch der Bundeswehrsportfördergruppe aus.

Doch neben dem Ausscheiden aus bestimmten Verbänden drängt sich für mich eine ganz andere Frage auf: wie weit darf man in den privaten Bereich eines Menschen eindringen und diesen dann publik machen und gegen ihn einsetzen, wie es nun im „Fall Drygalla“ geschehen ist. Um Unklarheiten vorzubeugen: nein, ich bin kein Anhänger dieser völlig weltfremden und menschenverachtenden Ideologie. Aber ich bestehe darauf, dass man mit so einem Umstand objektiv und sachlich in der Sache umgeht und nicht polemisch wird oder die Person, die die Vorwürfe betreffen, in der Öffentlichkeit bloß stellt. Fakt ist wohl, dass Drygalla selbst sich zu den Grundwerten der Demokratie bekannt hat und  für die Haltung, die ihr Partner eingenommen hat bzw. einnimmt nie Werbung betrieben hat. Man kann auch sagen, dass sie keine Anwerbungsversuche in ihrem Umfeld – sei es beim Sport oder beim Polizeidienst (Anwärter) -  unternommen hat.
Die Hysterie, die sich in dem Medien bereit gemacht hat und den klaren Blick vollkommen vernebelt hat, wurde in einem Artikel des Stern deutlich, in dem es sinn gemäß hieß: „das Monster des Rechtsextremismus betritt zum ersten Mal die große Bühne des Sports.“ Davon abgesehen, dass das falsch ist, fragt man sich doch, wie man so einen Autor solch einen sinnfreien Artikel verfassen lassen kann. Schon lange gibt es das Phänomen des Rechtsextremismus nicht nur außerhalb des Sports. Es wäre sowieso reichlich naiv so zu tun, als würden Spitzensportler Maschinen sein, die keinen eigenen Gedankengang besitzen. Aber so stellten sie die Medien lange dar: als unverwundbare Gladiatoren. Dieses schöne Gemälde will man sich nicht zerstören lassen und ächtet Menschen wie Frau Drygalla.

Und damit komme ich auf den Ausgangspunkt des Textes zu sprechen: Demokratie leben. Es fällt uns – das fällt mir auf – in bestimmten Situationen sehr schwer, diese Marschroute beizubehalten.  Wir lassen uns von Emotionen steuern und verlieren den Blick für das Wesentliche. Die Berichte, die nach der Abreise Drygalla’s aus dem Olympischen Dorf in London publiziert wurden, empfand ich persönlich als reichlich unappetitlich und nicht zielgerichtet. Da wurde über Gesinnungstests philosophiert, darüber dass man bessere kontrollieren müsse, welche sozialen Kontakte Sportler in ihrer Freizeit knüpften bzw. geknüpft haben.

Peinlich aber gleichzeitig abzeichnend für den moralischen Verfall auf höchster Ebene waren die Ausflüchte der Funktionäre und Sport und Politik, die entweder von all dem nichts gewusst haben wollen oder dem jeweils anderen vorwarfen Informationen zurückgehalten zu haben. Gelitten hat die Sportlerin, die zwischen den Steinen drohte bzw. droht zermahlen zu werden. Wichtiger wäre gewesen, man hätte sich vorher – vor allem im Verein – für die Vita von Drygalla interessiert. Dort, wo nicht die Gefahr besteht, dass das gesamte Privatleben in die weite Welt hinaus publiziert wird, weil die Medien bereits Gewehr bei Fuß stehen. Stattdessen hat man Drygalla wohl alleine gelassen, sich nicht großartig für ihre Geschichte interessiert, sondern nur ihren Wert am Ruder geschätzt.