Der Fall Drygalla, wie viele ihn nannten, ist aus meiner
Sicht ein perfektes Beispiel dafür, wie schwer wir uns damit tun in bestimmten
Situationen Demokratie wirklich zu leben. Die Dame aus Rostock (1989 auch dort
geboren), die für den Deutschen Ruderverband in London an den Start geht, ist
eine Partnerschaft mit einem Ex-NPD-Politiker eingegangen, der außerdem auch in
Kameradschaften in Mecklenburg-Vorpommern aktiv war. Nach dem diese Beziehung
im Herbst 2011 publik wurde, scheidet sie aus dem Polizeidienst aus und tritt
auch der Bundeswehrsportfördergruppe aus.
Doch neben dem Ausscheiden aus bestimmten Verbänden drängt
sich für mich eine ganz andere Frage auf: wie weit darf man in den privaten
Bereich eines Menschen eindringen und diesen dann publik machen und gegen ihn
einsetzen, wie es nun im „Fall Drygalla“ geschehen ist. Um Unklarheiten
vorzubeugen: nein, ich bin kein Anhänger dieser völlig weltfremden und
menschenverachtenden Ideologie. Aber ich bestehe darauf, dass man mit so einem
Umstand objektiv und sachlich in der Sache umgeht und nicht polemisch wird oder
die Person, die die Vorwürfe betreffen, in der Öffentlichkeit bloß stellt. Fakt
ist wohl, dass Drygalla selbst sich zu den Grundwerten der Demokratie bekannt
hat und für die Haltung, die ihr Partner
eingenommen hat bzw. einnimmt nie Werbung betrieben hat. Man kann auch sagen,
dass sie keine Anwerbungsversuche in ihrem Umfeld – sei es beim Sport oder beim
Polizeidienst (Anwärter) - unternommen
hat.
Die Hysterie, die sich in dem Medien bereit gemacht hat und den klaren
Blick vollkommen vernebelt hat, wurde in einem Artikel des Stern deutlich, in
dem es sinn gemäß hieß: „das Monster des Rechtsextremismus betritt zum ersten
Mal die große Bühne des Sports.“ Davon abgesehen, dass das falsch ist, fragt
man sich doch, wie man so einen Autor solch einen sinnfreien Artikel verfassen
lassen kann. Schon lange gibt es das Phänomen des Rechtsextremismus nicht nur
außerhalb des Sports. Es wäre sowieso reichlich naiv so zu tun, als würden
Spitzensportler Maschinen sein, die keinen eigenen Gedankengang besitzen. Aber
so stellten sie die Medien lange dar: als unverwundbare Gladiatoren. Dieses
schöne Gemälde will man sich nicht zerstören lassen und ächtet Menschen wie
Frau Drygalla.
Und damit komme ich auf den Ausgangspunkt des Textes zu
sprechen: Demokratie leben. Es fällt uns – das fällt mir auf – in bestimmten
Situationen sehr schwer, diese Marschroute beizubehalten. Wir lassen uns von Emotionen steuern und
verlieren den Blick für das Wesentliche. Die Berichte, die nach der Abreise
Drygalla’s aus dem Olympischen Dorf in London publiziert wurden, empfand ich
persönlich als reichlich unappetitlich und nicht zielgerichtet. Da wurde über Gesinnungstests
philosophiert, darüber dass man bessere kontrollieren müsse, welche sozialen
Kontakte Sportler in ihrer Freizeit knüpften bzw. geknüpft haben.
Peinlich aber gleichzeitig abzeichnend für den moralischen
Verfall auf höchster Ebene waren die Ausflüchte der Funktionäre und Sport und
Politik, die entweder von all dem nichts gewusst haben wollen oder dem jeweils
anderen vorwarfen Informationen zurückgehalten zu haben. Gelitten hat die
Sportlerin, die zwischen den Steinen drohte bzw. droht zermahlen zu werden.
Wichtiger wäre gewesen, man hätte sich vorher – vor allem im Verein – für die
Vita von Drygalla interessiert. Dort, wo nicht die Gefahr besteht, dass das
gesamte Privatleben in die weite Welt hinaus publiziert wird, weil die Medien
bereits Gewehr bei Fuß stehen. Stattdessen hat man Drygalla wohl alleine
gelassen, sich nicht großartig für ihre Geschichte interessiert, sondern nur
ihren Wert am Ruder geschätzt.