Peer Steinbrück soll nach dem Willen der SPD im Herbst nächsten Jahres gegen Angela Merkel im Wahlkampf um den Sitz im Kanzleramtsbüro antreten, so die Bekanntmachung der Partei. Dieser Vorgang ist vor dem Hintergrund der Begründung, weshalb die Entscheidung eben für Steinbrück fiel, äußerst beachtlich und muss sehr genau analysiert werden. Peer Steinbrück ist anders als die Medienlandschaft es dem Volk glauben machen will nicht das unbeschriebene Blatt und der Messias, der der Sozialdemokratie den Weg ins gelobte Land weisen wird. Er ist auch kein Ökonom, der mit reichem Sachverstand zu glänzen wüsste.
Er ist auch keine Alternative zu Kanzlerin Angela Merkel,
in deren ersten Kabinett er das Finanzressort inne hatte und unter anderem
maßgeblich für einige Finanzprodukte verantwortlich ist, die uns heute in
riesige Probleme stürzen. In seiner Zeit als Bundesfinanzminister von 2005 bis
2009 glänze Steinbrück als Deregulierer und devoter Vollstrecker der Finanzwirtschaft.
Unter ihm nahm des Mästen der Finanzwirtschaft und die Entwicklung von
„Produktinnovationen“ für den Finanzplatz Fahrt auf. Verbriefungen und Derivate
wurden zugelassen bzw. sollten ausgebaut werden. Die Folgen dieser
unverantwortlichen Aktionen fallen uns heute auf die Füße. Steinbrück selbst
hing bereits damals und auch heute am Tropf der Finanzlobby und setzte die
Doktrin, dass man dem Kapital so viele Freiheiten wie möglich einräumen muss,
ohne zu zögern sukzessive um. Als die
Industriebkreditbank (IKB) in Schieflage geriet, spielte Steinbrück
kurzerhand Feuerwehrmann, und erklärte
das Kredithaus für „too big to fail“; also für systemrelevant.
Dass das für die
IKB nicht zutraf, interessierte den Finanzminister damals herzlich wenig. 10
Milliarden Steuergelder nahm Steinbrück in die Hand, um die Gläubiger der IKB
auszubezahlen. Zusammengefasst: die IKB hätte man problemlos pleite gehen
lassen können, weil sie eben nicht systemrelevant war. Doch das reichte nicht.
Steinbrück ließ Gesetzentwürfe extern ausformulieren, und zwar von britischen
Anwaltskanzleien. Man fragte sich damals zu Recht, weshalb und wofür man dann
überhaupt Juristen und Beamten im Ministerium beschäftigt, wenn diese selbst
keine Gesetzentwürfe mehr formulieren dürfen.
Als Deutschland in der schlimmsten Rezession seit den 30er
Jahren steckte, wehrte sich der Finanzminister vehement gegen
Konjunkturprogramme, die er als „Strohfeuer“ bezeichnete, welches keine Wirkung
hätte. So verschlief er mehrere Monate und handelte viel zu behäbig und
zögernd. Er polemisierte also zuerst gegen solche Belebungsprogramme für die
Wirtschaft und legte Monate später eben solche Programme auf. Und das war auch
richtig. Wenn die Wirtschaft erlahmt und Anzeichen eine Rezession klar sind,
muss man stimulierend eingreifen. Das verstand Steinbrück offensichtlich nicht,
denn schon damals schwang der Schuldenvorwurf immer wieder in den Reden des
Herrn Steinbrück mit. Das Problem ist, dass der Staat nur dann Schulden abbauen
kann, wenn andere an seiner Stelle wirklich investieren. 2009 gab es einen
dramatischen Wachstumseinbruch in der Deutschen Wirtschaft, der die
Staatsintervention mittels Konjunkturprogrammen nötig machte. Erst wenn sich
die Privaten bzw. die Unternehmen verschulden, um zu investieren, kann der
Staat auch konsolidieren. Noch heute versteht Steinbrück diese Zusammenhänge
nicht, denn er unterstützt die Schuldenbremse in Deutschland. Denn der Staat
muss handlungsfähig bleiben, um im Falle des Falles eingreifen zu können und
die Wirtschaft neu zu beleben. Denn wenn dieser Sektor – speziell der
Binnenmarkt – nicht mehr läuft, Unternehmen Insolvenz anmelden müssen, dann
brechen dem Staat wichtige Einnahmen weg. Infolge der Unternehmensinsolvenzen
stehen Arbeitnehmer auf der Straße, die zuvor sozialversicherungspflichte
Arbeitsplätze inne hatte, die ihrerseits nicht nur keine Beiträge mehr zahlen,
sondern deren Kaufkraft auch wegfällt. Das rigide „Spardiktat“ führt also
letzter Konsequenz in einen Teufelskreis,
wie man es in Griechenland aktuell im großen Feldversuch besichtigen kann.
Außerdem trug Peer Steinbrück maßgeblich zu den
außenwirtschaftlichen Ungleichgewichten in der Währungsunion bei. Seine
Ausführungen legen auch heute noch nahe, dass er nicht begreift, dass der
deutsche Leistungsbilanz-Überschuss von voraussichtlich 200 Milliarden Euro in
diesem Jahr ein ernsthaftes Problem darstellt. Der Binnenmarkt weist seit
Jahren keinen Anstieg der Nachfrage aus, aber die Leistungsbilanzüberschüsse
gehen kontinuierlich durch die Decke. Deutschland ist in einem so ungesunden
Maße vom Export abhängig, dass gehandelt werden muss. Vor allem, weil
Deutschland damit die europäischen Nachbarn in große Probleme stürzt. Nicht
zuletzt, weil wir die, die uns diesen Überschuss beschert haben, nun von uns
für bankrott erklärt werden und bei denen wir nun die Daumenschrauben anziehen.
Obwohl wir ohne deren Importe beileibe anders da stünden, da gerade die
Ausfuhren nach Südeuropa einen erheblichen Anteil des Exports ausmachen.
Aber auch das wird Steinbrück nicht verstehen, weil er diese
Leistungsbilanzüberschüsse gut findet und damit auch seine Aktie an der
Eurokrise hat. Ihm fehlt die Gabe, die einzelnen Facetten (Staat, private
Haushalte und Unternehmen) in Gänze zu betrachten. Jeden Sektor separat zu betrachten
führt zu den verheerenden Maßnahmen, die ich bereits ansprach.
Als Fazit bleibt bestehen: Peer Steinbrück ist weder der
Messias, in dessen Status in die Presse erhebt, und er ist auch kein fähiger
Ökonom. Er ist das Produkt einer breiten Front der „Meinungsmacher“ in diesem
Land, die ihm zwanghaft versuchen, ein irreführendes Image zu verpassen.
Zugespitzt oder auch provokant könnte man formulieren, Steinbrück ist politisches
Gammelfleisch in neuer Verpackung.