Sonntag, 18. November 2012

Der Amerikaner und sein Weltbild.


Ich wollte nur einen Kaffee trinken gehen in der Nachmittagsschichte; ich schwöre es…und doch entwickelte sich auf einmal ohne Vorwarnung eine politische Diskussion. Eine Diskussion über die anstehende Wahl des US-Präsidenten. Es prallten zwei Welten aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Man kennt das ja: man schaut sich einen Bericht in einem Nachrichtenmagazin an, in dem der Korrespondent die Wahlveranstaltung eines konservativen Nests besucht. Dort wird dann Agitation gegen alles und jeden betrieben, was sich gerade so anbietet. Gegen Moslems, den „Kommunisten“ Obama, die Schulden, die Krankenversicherung, allgemein wird mit der Angst vor zu viel Staat im Staate Stimmung gemacht. Dabei ist den Befragten keine Argumentation peinlich genug, als dass man sie nicht ins Felde führen könnte. Der Konservative in den USA ist jedoch nicht gleichzusetzen mit den Menschen, die wir in Europa als konservativ bezeichnen würden. Das bemerkte ich bei meinem Disput, den ich gerne in Kurzform schildern möchte, da er mir einen interessanten Einblick in das Innenleben eben dieser Menschen gab. Herausstach dabei vor allem eine Ideologie, die man hier getrost als inhuman bezeichnen kann – und das ist noch diplomatisch ausgedrückt!
Es folgte ein Donnerwetter, welches von meinem Gegenüber inszeniert wurde. Leidtragender war der US-Präsident, der seit 2008 von den Demokraten gestellt wird. Im Stakkato-Modus befindlich ging es los mit der wilden Fahrt: der „Schuldenpräsident“, so befand mein Gegenüber, hätte die USA bereits an den Rand des Ruins gebracht. Sowieso würde das Geld „unfair verteilt“ und es bekämen die Falschen in den Genuss dieser Wohltat. Die Drohnen-Einsätze in Pakistan, bei denen Menschen aus der Distanz wie Tontauben abgeknallt werden? „Weißt du was?“, so pfefferte es mir aus der anderen Ecke entgegen, „das ist nun mal Krieg! Das sind doch Terroristen, über die wir hier reden.“ Desweiteren wurde natürlich der amerikanische Traum von Freiheit proklamiert und daran erinnert, dass sich der Staat – so wie es Obama macht – sowieso viel zu sehr in die Heile freie Welt das US-Amerikaners einmischen würde.  Nein, ich werde diese kuriose, ja fast schon zynische Definition des Wortes Freiheit nie verstehen. Was ist an der Einführung einer Krankenversicherung – eine der wichtigsten politischen Maßnahmen auf Obamas Agenda – denn bitte so grauenvoll? Exotisch wirkt zudem, dass die, denen es nützen würde, ins selbe Horn blasen, und ihre Freiheit beschnitten sehen. Geradezu grotesk wirkt dann die Reaktion meines Gegenübers, als ich ihm entgegen, was denn die Alternative zu Obamas Konjunkturprogramm sei. Nichts! Wie das Kaninchen vor der Schlange stehen sie da und wissen nicht recht, was sie darauf antworten sollen, die „Markthöhrigen“ dieser Welt. Auch in diesem Fall war es so. Man solle das Geld nicht „inflationär“, sondern gezielter einsetzen, so das wenig stichhaltige Argument, welches mir entgegengehalten wurde. Im Zuge des Gesprächs kam man dann unwillkürlich, wenn man mit einem ehemaligen US-Bürger spricht, auf den ersten Golfkrieg und zuvor die Machtergreifung Ruhollah Chomeinis, der Ende der 70er die iranische Revolution mitgestaltete und anführte.  

Auch das Thema Griechenland kam irgendwann auf die Agenda und auch hier hatte man ab und an das Gefühl mit einem Vertreter der Springer-Presse im Zwiegespräche zu stehen. In Bezug auf Griechenland wurde die Situation damit verglichen, ob ich „einem Bettler“ mein Geld zur Verfügung stellen würde. Reichlich surreal wirkte das alles auf mich, zumal das Motiv dieser Aussagen doch klar ersichtlich ist: es soll suggeriert werden, dass die Griechen finanziellen Support ohne jegliche Gegenleistung bekommen würden und damit in Saus und Braus Orgien feiern würden. Da ist Guido der Große aus dem Jahr 2010 wieder präsent, der damals in Anspielung auf die sozialen Leistungen in Deutschland, von der Gefahr „leistungslosen Wohlstands“ sprach und auch die „spätrömische Dekadenz“ ins Feld führte. Ähnlich auch hier. Dass die Griechen mit dem Geld, was ihnen von den Kapitalmärkten zur Verfügung gestellt wurde, auch deutsche Güter kauften (auch in der Rüstung) wird konsequent negiert oder ignoriert. Außerdem wird – auch das ist ein Mainstreamphänomen – auch hier die Schuldenfrage verklärt. Grundsätzlich sind die Staatsschulden als solche nicht für die dramatische Lage in Griechenland verantwortlich. Wirklich zugespitzt hat sich die Situation bei dem ausgeben der Staatsanleihen, als die Zinsaufschläge empfindlich in die Höhe schossen (weit über 15 % waren es zwischenzeitlich).
Heraussticht, und das darf ich als Fazit ziehen, dass die Diskussion ideologieverseucht daherkommt und daher – das mag kaum verwundern – kaum Ertragreiches abwirft. Wenn man mit der vollkommen verfehlten Austeritätspolitk nicht endgültig abschließt und sie ad acta legt, wird sich die Situation weiter zuspitzen und wir werden erleben, dass Griechenland ein „fail State“ wird, wenn man soll, also ein Staat, der faktisch nicht mehr regierbar ist.

Donnerstag, 1. November 2012

Schlachtfeld Kreuzberg und ein paar Gedankengänge dazu.


Kreuzberg, das ist ein völlig merkwürdig anmutender Bezirk, das fiel mir gerade wieder in der abgelaufenen Woche auf. Hier treffen immer wieder verschiedenste Denkmuster und Welten aufeinander und sorgen dafür, dass Neues entstehen kann. Auch Konflikte. Als ich in meiner Mittagspause am Mittwoch den Mehringdamm in Richtung Mitte abgraste, kam ich am Halleschen Ufer an einer Kreuzung fast zwischen die Fronten. Autofahrer und Radfahrer liefern sich tagein tagaus Grabenkämpfe um jeden Zentimeter Fahrbahn.
Dabei sind Wortgefechte der ganz besonderen Gattung zu vernehmen. Die Radfahrer selbst wirken ab und an recht zahm und gesittet; erweisen sich allerdings in dem Moment, in dem es ans Eingemachte geht, als nahkampferprobt. Da kann es einem als Autofahrer (der sich an der Straßenverkehrsordnung hält) schon mal passieren, dass es aus dem ruhigen, fast schon verschlossenen wirkenden Familienvater, ein aggressives Nervenbündel wird, dem der ein oder andere Kraftausdruck über die Lippen rutscht. Und von diesem Exemplar Radfahrer scheint es in Kreuzberg ein ganzes Nest zu geben.

Das Pendant dazu ist der sportliche Fahrer, der meist auf einem Fixie durch die Straßen saust und sich aus Wechsellichtzeichen nicht viel macht. Auch die Richtung, in der als nächstes brettert, zeigt er nicht gesondert an, denn er selbst weiß ja wo er hin will, und das ist das wichtigste. Dies führt öfter mal zu „Fastkollisionen“, aus denen aber glücklicher Weise des Öfteren beide Parteien unbeschadet hervorgehen. Meistens haben diese Fahrer auch keinen Helm auf dem Schädel, sondern schmucke Retrocaps, die ihnen im Fall des Falles allerdings auch nicht mehr viel nützen würden. Meistens sind die Fahrer um die 20 -  30 Jahre alt. Im heutigen Jargon würde man sie wohl als „hip“ bezeichnen. 

Auf Seiten der vierrädrigen Gefährte sieht es leider nicht viel besser aus. Deren Führer (ich darf das mal so formulieren) benehmen sich nämlich ähnlich wie ihre Kollegen auf zwei Rädern. Nur dass man mit einem Kfz wesentlich mehr und vor allem schwereren Schaden anrichten kann. Einen Beleg dafür kann man sich in Kreuzberg fast jeden Tag abholen. Sicher ist dies nicht der einzige Bezirk, auf den meine Aussagen zutreffen, aber für mich sind das Situationen in unmittelbarer Nähe. Gerade wieder gab es an der Ecke Katzbach- und Kreuzbergstraße wieder einen Einsatz für die Rettungskräfte. Der Nimbus des Bezirks, in dem Anarchie herrscht, den möchte einige Woche für Woche und Tag für Tag zwanghaft bestätigen.
Der Autofahrer, der sich wirklich freiwillig aufs Schlachtfeld aus Asphalt begibt, muss sich auf Kontrahenten einstellen, die auf Agitation aus sind. Sobald man von der Stadtautobahn auf den Tempelhofer Damm nach Mitte fährt, beginnt der Wettkampf um jede Position vor der nächsten Ampel. Da gibt es den Malermeister aus „PM“, der sich mit seinem Kastenwagen wie ein Michael Schumacher fühlt und mit 80 km/h seinem Auftrag entgegen eilt. Dabei vergisst das fast schon obligatorische rechts Überholen genauso wenig, wie dem Überholten in seine Spur zu fahren.

Das alles erlebt man tausendfach, wenn man sich der Kreuzberg bewegt. Doch irgendwie – so komisch es sich im ersten Moment auch anhören mag – gehört dieses rowdyhafte, fast schon anarchisch anmutende Verhalten zu Kreuzberg und der Umgebung. Man kann fast schon sagen, es ist eine Art Markenzeichen. Und doch wäre es ab und an erstrebenswert, dass man eben genau dieses Markenzeichen einer kleinen „Reform“ unterzieht. Schließlich will man nicht nur unversehrt nach Kreuzberg rein, sondern optimaler Weise genauso wieder raus…