Die Begründung für solche und andere Vorhaben ist
immer dieselbe: man müsse das Kapital im Land halten. Wenn man das nicht täte,
dann würde es sofort abfließen, Investoren würden ihr Geld in anderen Ländern
anlegen. Der damalige Finanzminister Peer Steinbrück rechtfertigte die
Niedrigsteuer auf die Kapitalerträge mit dem Satz: „Besser 25% auf X als über
40 % auf nix.“ Das ist natürlich ein hoch interessante Rechnung, vor allem,
wenn man bedenkt, dass es – wenn auch nur sehr wenige - Steueroasen weltweit gibt,
wo man noch weniger auf seine Kapitaleinkünfte zahlen müsste. Die Logik von
Peer Steinbrück also ist nicht nur unlogisch, sondern auch fatal in der
Signalwirkung auf die Zielgruppe, die es betreffen soll. Es handelt sich um
einen Schutzzaun für Menschen, die sozusagen „leistungsloses Einkommen“ haben.
Sie werden gehätschelt und gepflegt. Die Arbeit, die wirklich mit einer
Leistung zu vergleichen ist, wird hingegen nahezu doppelt so hoch besteuert.
Peer Steinbrück, das habe ich schon oft angemerkt,
hat mit sozialdemokratischer Politik so wenig zu tun wie der Papst mit einem
Atheisten. Das Beispiel, welches ich hier angeführt habe, unterstreicht das
noch einmal in aller Deutlichkeit. Die Nachdenkseiten haben dankenswerterweise
in einem aktuellen Podcast (Jens Berger) diesen Fall aufgegriffen und die
Pseudologik des Peer Steinbrück wunderbar ad absurdum geführt. Ich empfehle jedem, sich einmal die
Nachdenkseiten zu Gemüte zu führen, um eine differenzierte Sicht auf die
aktuellen politischen Debatten zu bekommen. Denn eben diese Sicht vermitteln
uns die Mainstream-Medien schon lange nicht mehr. Sie scheinen teilweise
vielmehr Sprachrohr und – hart gesprochen – Propagandaorgane der herrschenden
Kreise zu sein, deren einzige Aufgabe es ist, eine Verteidigungsstrategie zu
Gunsten dieser Kreise zu fahren. Dem wirkten Projekte wie die Nachdenkseiten
entgegen.
Das Klima, in dem Gesetze, wie das genannte
entstehen, war geprägt vom Neoliberalismus. Es war en vogue sich bei der
Wirtschaft anzubiedern, Vermögende durch Änderungen im Steuerrecht ganz
besonders zu pflegen und den Sozialstaat massiv abzubauen und öffentlich zu
diskreditieren. Es war das Ziel, amerikanische Verhältnisse zu schaffen. Dies
wurde zwar verklausuliert ausgesprochen (Schröder: „Wir wollen mehr Eigeninitiative
(…).“), aber was gemeint war, konnte man sich zusammenreimen. Man rühmte sich
eben nicht nur mit der wirtschaftsfreundlichen, sondern mit der
arbeiterfeindlichen Politik. Schröder sprühte 2005 auf dem Weltwirtschaftsform
in Davos vor Zuversicht über den wachsenden Niedriglohnsektor in Deutschland.
Leiharbeit, „christliche Gewerkschaften“, das Auslagern von Personal in
Tochterfirmen, um die Löhne weiter zu drücken – das alles gehörte zum Komplex
der Agenda 2010. Man subventionierte solche Arbeitsverhältnisse auch noch
damit, dass man keine Sozialversicherungsbeiträge vorschrieb. Über 7 Millionen
Menschen arbeiten heute in Deutschland mit geringfügiger Entlohnung. Die
Entgeltgrenze lang bis 2013 bei 400 Euro
im Monat.
Das Ergebnis dieser Beschäftigung wird eine noch
nicht vorhersehbare Altersarmut bei diesen Menschen sein.
Grundsätzlich führt einen das zu der Frage, ob einer
wie Steinbrück tatsächlich eine Alternative ist. Und auch diese Frage ist –
wenn man sich die Hintergründe ansieht – schnell zu beantworten. Er ist es
nicht im Gegenteil. Es kann einem nur Angst und Bange werden, wenn auch diese
Person, die sich Sozialdemokrat schimpft, von Konsolidierung palavert. Auf die
Denkfehler dieser „Sparpolitik“ wird von
einigen wenigen in der Öffentlichkeit durchaus hingewiesen. Jedoch schafft es
diese Meinung immer noch nicht in den Mainstream, der weiter von Merkel und Co.
Erfolgreich beeinflusst.