Samstag, 12. Oktober 2013

"Unabhängige Beratung" oder auch: verkaufen ohne Rücksicht


Die DVAG sagte mir bis zum Sommer des Jahres 2011 nicht allzu viel. Klar, auf dem Cap des ehemaligen Formel-1-Fahrers Michael Schumacher war das Unternehmen präsent, auch die eine oder andere Sportveranstaltung wurde offensichtlich gesponsert. In besagtem Jahr sprach mich die Schwester meiner damaligen Freundin an, ob es mich nicht interessiere würde, mit ihrer Freundin über Altersvorsorge zu sprechen. „Höre dir das einfach mal an“, so habe ich das noch im Gedächtnis. Kurzum kam die Dame in unsere gemeinsame Wohnung, die wir damals bewohnten, es wurde Kaffee ausgesetzt, die Atmosphäre war entspannt, ja fast vertrauensvoll. Diese Dame gab nun zum Besten, dass sie bei der Deutschen Vermögensberatung (DVAG) diverse Versicherungen abgeschlossen habe und damit absolut zufrieden sei. Aus der Ankündigung der Schwester meiner Ex-Freundin entnahm ich, dass – wenn Interesse bestehen würde – der Kontakt und die Korrespondenz auch über sie laufen würde. Weit gefehlt. Im Gespräch wurde klar, dass sie nur „Anwerberin“ für einen weiteren Herrn ist, mit dem sie in der Gastronomie zusammengearbeitet hat. Das klang im ersten Moment schon mal ein wenig exotisch. Kurzum: das Treffen wurde wieder bei uns in der Wohnung vereinbart.

Dort nun ergab sich allerdings ein gänzlich anderer Verlauf. Denn nun waren die Versicherungsmöglichkeiten zwar Thema, wurden aber unter dem Motto „da habt ihr tolle Möglichkeiten zu sparen“ aufgelistet. Und jeder weiß in der Versicherungsbranche; bevor man sparen kann, muss man erst mal Geld in die Hand nehmen. „Nein, Aktien sind zu riskant“, so der Rat des Ex-Arbeitskollegen der Schwester meiner Ex-Freundin. Aber eine Riester-Versicherung (auf die einzelnen Varianten will ich der Einfachheit halber an dieser Stelle verzichten), das sei  definitiv etwas, was man „machen“ sollte. Die Phrasen, die nun  abgesondert wurden, sind bestens bekannt. „Der Staat gibt euch ja nichts mehr und da müsst ihr zusehen, etwas zur Seite zu legen.“ Außerdem: „Da bekommt ihr auch staatl. Förderung. Und die Beiträge sind auch absetzbar.“ Dass diese Verträge sehr riskant sind und in den ersten Jahren vor allem die Provisionen und andere anfallenden Kosten getilgt werden müssen, die mit Vertragsabschluss anfallen, wurde nicht offen mitgeteilt. Dazu kam, dass man mir einen Bausparvertrag und eine s. g. „Wunsch-Police“ (so eine Art „Fond-Sparen) angedreht hat. Diese wurde mir zwar erläutert, jedoch wurde ich nach dem Abschluss relativ „alleine gelassen“.
Nach der Trennung von meiner Freundin wenige Wochen später dauerte es ein paar Wochen bis ich wieder eine Nachricht bekam. Nach einigem Hin und Her, da ich keinen Termin fand, traf man sich im November des Jahres 2011 in einem Café. Hier nun dämmerte es nun selbst bei mir. Denn dieses Gespräch begann – Déjà-vu – wieder locker und, ich möchte fast sagen, kumpelhaft. Nach 5 bis 10 Minuten kommt der Herr aber wieder zum Thema „Sparen“. „Wir hatten doch das letzte Mal über Anlagemöglichkeiten gesprochen“, begann er. Dieser Abend war es auch, an dem ich den Bauspar-Vertrag abschloss. Und auch die Riester-Rente stand wieder im Fokus. „Darüber können wir später ja noch mal nachdenken, das ist kein Problem“, so seine Entgegnung auf meine ablehnende Haltung zu diesem „Produkt“. Nun schlich sich bei mir langsam aber sicher das Misstrauen ein. Denn im engmaschigen Paragraphendickicht der Versicherungs- und Bausparverträge wurde mir zum Beispiel beim Bausparvertrag verschwiegen, dass man beim Abschluss erst einmal über 120 Euro Kosten schultern musste. Das erfuhr ich erst als ich Anfang des Jahres 2012 den „Auszug“ des Unternehmens erhielt, bei dem der Bausparvertrag aktiv war. Bei dem schon angesprochenen Treffen des Novembers 2011 bemerkte ich, dass es nicht primär wichtig war, auf eine bestimmte Lebenssituation einzugehen (mit einer „ganzheitlichen Betreuung aus einer Hand“ wirbt man bei der Deutschen Vermögensberatung). Viel mehr bekam man immer dieselben „Partner“ der DVAG in einer vorgefertigten Broschüre vorgeführt.

Nun war mein Forschungsgeist geweckt und ich informierte mich darüber, ob dieses Vorgehen grundsätzlich so auch bei anderen zu beobachten ist. Oder ob ich nur ein Einzelfall war. Die Recherche war vergleichsweise kurz, brachte jedoch die Abgründe ans Licht.

Ergebnisoffen können diese „Berater“ gar nicht tätig sein, da sie vertraglich verpflichtet sind, Produkte nur von bestimmten Anbietern zu verkaufen.  Er kann also überhaupt nicht „unabhängig“ agieren, da es vertragliche Zwänge gibt, nur ganz spezielle Produkte anzubieten. Diese „unabhängigen Berater“ sind also alles andere als unabhängig. Sie vermitteln Produkte – und zwar nur von „ausgewählten (durchaus negativ zu interpretieren) Partnern.“  Offensichtlich schien, dass der Verkaufsdruck der von einer höheren Hierarchie-Ebene ausgeübt werden muss, so erdrückend ist, dass in jedem Gespräch – und ich hatte schon drei Verträge abgeschlossen – neue „Anlage- und Spartrips“ offeriert werden. 

Hinzu kam bei mir, dass mich der Herr ebenfalls „werben“ wollte. Mir also anbot, dass ich eine „Schulung“ machen könne, mit dem lapidaren Zusatz, „dass es dort Essen umsonst“ gibt. Außerdem könne ich das dann ebenfalls machen und er hätte mich dann „geworben“, das sei „eine gute Sache.“ Ich könne dann nebenbei auch Geld verdienen; und das nicht zu knapp. Inzwischen ist klar, dass ich gut daran tat, die „Wunschpolice“ aufzulösen, die Riester-Rente abzulehnen und das Deutsche Bank Konto, zu welchen ich auf seinen Rat hin wechselte („Da kriegst du monatlich sogar Zinsen auf dein Guthaben“), wieder aufzulösen. Beim Bankkonto kämen nach einer Frist (die das Konto – zum Anfüttern - erst mal gebühren frei läuft) doppelt so hohe Kontogebühren pro Monat auf mich zu, wie bei meinem Sparkassen-Konto.

Nach dem ich die Recherchen – und das zog sich – abschloss, beschloss ich, die Zusammenarbeit mit dem Herren sofort zu beenden. Die Rhetorik, dieses triviale Gespräch; alles ist so einfach. Schließ die Versicherung ab, dann klappt’s schon; das habe ich am Ende als Affront aufgenommen. Denn das Ziel war nicht die Beratung, sondern lediglich das Absetzen von Finanzprodukten in möglichst kurzen Zeitabständen. Der Sinn und Zweck für den dann gegen irgendwas Versicherten ist sekundär. Diesen „hard Fact“ kann ich dem Herrn noch nicht mal zum Vorwurf machen. Denn wer auf Provisionsbasis arbeitet, ist praktisch dem Zwang unterworfen, zu verkaufen – egal was er im Portfolio führt. Im Netz findet man diverse Erfahrungsberichte von „Ex-Kunden“ solcher „unabhängigen Berater“, deren Geschichten Parallelen mit meiner aufweisen.

Ich kann nur jedem empfehlen, von solchen Angeboten Abstand zu nehmen, sollten sie denn über Bekannte an einen herangetragen werden. Der Stress, den dies nach sich zieht, ist es schlussendlich nicht mal im Ansatz wert. Das, was in so einem „Deal“ prosperiert, sind die Provisionen des „Beraters“, der korrekter Weise als „Verkäufer“ bezeichnet werden müsste. Als integer würde ich das Verhältnis zu meinem damaligen „Verkäufer“ nicht beschreiben, allerdings möchte ich an dieser Stelle sehr wohl auch meine Verantwortung eingestehen. Niemand hielt mir einen Lauf an die Schläfe mit dem Hinweis, dass man mir „das Licht ausblasen“ werde, wenn ich diesen oder jenen Kontrakt nicht mit meiner Tinte schmutzig mache. Naivität! Das war mein größtes Laster. Jedes Wort für bare Münze nehmen. Nachfragen? Eigentlich nicht; der wird das Beste für mich rausholen. In Wahrheit waren meine Gedanken komplett monetär gesteuert. Mehr, ich will mehr! Liest sich skurril, aber so war mein Gedankengang. Jetzt kann ich sagen, dass ich mich davon weitestgehend gelöst habe. Die „Wunschpolice“ habe ich gekündigt, genauso wie den Bausparvertrag.

Sonntag, 6. Oktober 2013

Gedanken der Bundestagswahl und zu echten Alternativen


Die Wahl zum 18. Deutschen Bundestag am 22. September 2013 ist Geschichte und sie lässt mich als jungen Menschen sehr fragend zurück.  Das Ergebnis in seiner Tendenz war sicherlich so erwartet worden, dass es dann aber von den nackten Zahlen her so deutlich ausfällt, überraschte mich dann doch in einem großen Maß. Ich muss dazu bemerken, dass ich zum ersten Mal seit ich wahlberechtigt bin, darüber ernsthaft nachgedacht habe, mich dieses Mal der Wahlurnen (leider ein sehr passendes Wort für diese Gefäße) fern zu halten. Diese Überlegung hatte vielschichtige Gründe.  Zum ersten Mal dachte ich über diesen – für meine Verhältnisse radikalen Schritt – im Sommer 2012 während der Verabschiedung riskanter Rechts-Konstrukte („Rettungsschirme“) im Bundestag nach.  Eben diese Konstrukte wurden von der Mehrheit des Hauses „durch gewunken“ ohne auch nur im Ansatz auf die Einwände einzelner Abgeordneter einzugehen. Denn in den Fraktionen des Bundestags herrscht ein „Fraktionszwang“, der augenscheinlich „Abweichler“ (auch in den Medien wird dieses Wort sehr negativ besetzt) dazu bringen soll, ihre Bedenken unter Zwang zu unterdrücken und bestimmten Gesetzen trotz bestehender grundsätzlicher Vorbehalte zuzustimmen. Dass dies in den Mainstream-Medien mehr oder weniger nur eine Randnotiz war und der einhellige Tenor war, dass diese Maßnahmen eben getroffen werden müssten, empfand ich als einzigartigen Skandal. Eine Premiere für mich: der Zweifel der Sinnhaftigkeit der parlamentarischen Demokratie in dieser Form.

Als um 18 Uhr die erste Prognose kam, war abzusehen, in welche Richtung dieser Wahlabend steuern würde. Prompt wurde das Ergebnis als „großartiges“ für Frau Merkels Politik gefeiert. Gerade in der Schweiz triumphierte man in den Tagen danach: „Merkels Kurs der Austeritätspolitik in Europa bekommt große Unterstützung.“ Die SPD fuhr mit unter 26 % mal wieder ein historisch unterirdisches (und das ist trotz kleiner Zugewinne sehr diplomatische Rhetorik)Ergebnis ein. Das war aufgrund des Kanzlerkandidaten und des Verhaltens der SPD in der großen Koalition von 2005 bis 2009 nur folgerichtig. Sämtliche Personen an der Spitze der Sozialdemokraten sind nach dem größten und verheerendsten  Schiffbruch der Historie der SPD von der Bundestagswahl 2009 (keine 24%) wie angewurzelt auf ihren Posten geblieben. Eine personelle Neuaufstellung und  -ausrichtung blieb also aus.

Fern dieser ganzen Koalitionsdiskussionen, der Personalentscheidungen und irgendwelcher wie auch immer gearteter Hysterie was Steuerfragen angeht, wünschte ich mir eine politische Kraft, die auf grundsätzliche ökonomische Fragen stärker und vor allem objektiver eingehen würde. Dies einer Partei zuzuschreiben ist fast schon irrwitzig, ist eine Partei doch „parteiisch“ – nämlich alleine ihrer Klientel verpflichtet. Diese immense Aufgabe kommt freidenkenden Menschen, so möchte ich sie einmal nennen, zu. Dies sind Personen, die kein Parteibuch haben, in keiner Lobbyorganisation eines großen Konzerns bzw. Wirtschaftsunternehmens verankert sind. Auf eben solche Personen bin ich – dank des Internets – aufmerksam geworden. Dies sind Menschen, die Denkanstöße geben, die einen überhaupt erst motivieren über das bestehende System nachzudenken. Die Schlussfolgerungen überlassen sie dem Zuhörer in den meisten Fällen höchst selbst.
Solche Menschen sind es, von denen wir mehr brauchen bzw. solche Menschen sind es, die viel mehr Aufmerksamkeit für ihre Thesen verdient hätten. Für mich war zum Beispiel in Video des Ökonomen, wie es so schön heißt, Heiner Flassbeck Auslöser, mich mit der Materie überhaupt auseinanderzusetzen. Flassbeck war jemand, der die Frage der Schulden und Ersparnisse auf der anderen Seite miteinander verknüpfte und einen kausalen Zusammenhang herstellte. Ab diesem Punkt war ich sozusagen im positiven Sinne infiziert. Schulden und Ersparnisse bzw. Guthaben hängen also zusammen, so die Schlussfolgerung. Doch somit konnten die Artikel in den „Mainstream-Medien“ (also auflagenstarke Gazetten bzw. Magazine, die en vogue sind) mindestens große Unstimmigkeiten aufweisen bzw. teilweise die Realitäten bis zur Unkenntlichkeit verdrehen.

Über die Recherche im Internet kam ich dann zu Vorträgen von Franz Hörmann, der das Geldsystem grundsätzlich analysierte und sich mit der Symptom-Bekämpfung nicht aufhalten wollte. Dies erweckte mein Interesse und ich stieg tiefer in die Materie ein. Nichts desto trotz ist das System so verklausuliert, mit so vielen Fallen ausgestattet, dass es bis heute ein schwieriges Unterfangen ist, sich durch diesen Dickicht zu schlagen.

Über Umwege kam ich in Folge der Vorträge von Franz Hörmann am „Top Info Forum“ 2012 in Salzburg auf den pensionierten Professor Bernd Senf. Für seine Vorträge lohnt es sich generell, viel Zeit einzuplanen. Dieser Herr hat er sich zur Aufgabe gemacht, Zusammenhänge des herrschenden Geldsystems Schritt für Schritt, Bild für Bild (im wahrsten Sinne des Wortes) so allgemein verständlich wie möglich zu machen. Hier wird auch klar wie antiquiert und reformunfähig – mal ganz von seinem vermeintlichen Nutzen – das Geldsystem eigentlich ist. Weshalb die Zinslasten im System immer weiter kumulieren, wieso man das hinterfragen sollte. Und wieso von diesem Effekt nur ein sehr kleiner Personenkreis partizipiert. 
Minutiös deckt Senf die positiven und die negativen Seiten des Systems auf und geht auch auf die Historie des Geldes, wie wir es heute kennen ein. Erfreulich ist, dass die Rhetorik leicht und schnell verständlich ist. Anhand von Schaubildern versucht Senf zu verdeutlichen, welche Fallen im bestehenden System lauern und wie man diese Fallen beseitigen könnte. Er geht ausführlich auf die Rolle der US-Notenbank ein, auf die dominante Position des US-Dollars und der damit einhergehenden Probleme ein. Das Ganze kommt sehr ideologiefrei daher und sollte aus diesem Grund ein großen Personenkreis einsprechen können. Knackpunkt bei Bernd Senf ist – und das steht besonders im Fokus – der Zins und der Zinseszins; also leistungslose Einkommen in Form von Zinserträgen. Das Schaubild, welches das wunderbar illustriert, zeigt zwei auseinandergehende Kurven. Wobei diese Kurven – fügt man neben der reinen Kreditsumme, den Zins noch hinzu – exponentiell auseinander driften. Den Ursprung dieses Wortes und auch die Zinseszins-Formel (lt. Senf die einzige Formel, die er noch in seinen Vorträgen nutzt; alle anderen hat er im Lauf der Zeit „über Bord geworfen“) wird ausführlich behandelt.

Diese Informationen erhalte ich im Mainstream nicht, was nicht verwundert. Da im Rechnungswesen bzw. Wirtschaftsbereich diese Dinge nicht hinterfragt werden. Dass dieses Hinterfragen – ergebnisoffen – stattfindet, dafür lohnt es sich alle mal zu werben. Ohne dabei die Bevölkerung einem Zwang auszusetzen.